Gewalt gegen ältere Menschen(07.07.2015) Weil nicht sein kann, was nicht sein darf: Gewalt gegen ältere und pflegebedürftige Menschen ist ein Thema, das kaum öffentlich diskutiert wird. Erhebungen zufolge berichtet jedoch jeder zehnte Senior von Übergriffen in seinem direkten Umfeld – wobei von einer großen Dunkelziffer auszugehen ist. Wie Pflegende zu Tätern werden, wie Hilfsbedürftige geschützt werden können und welche Rolle Mediziner dabei spielen, darüber informiert das Symposium „Gewalt gegen ältere Menschen“ am Freitag, 4. September, beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) in Frankfurt am Main.


Eine hochbetagte Frau wird per Notarztwagen ins Krankenhaus gebracht. Sie ist kaum ansprechbar, völlig abgemagert und dehydriert. Ihr Körper weist großflächig Druckgeschwüre auf. Offenbar war die pflegebedürftige und demenzkranke Frau, die daheim von Angehörigen versorgt wurde, zu selten bewegt worden, um ein Wundliegen zu verhindern. Der zuständige Arzt alarmiert die Polizei. Obgleich die Frau kurz darauf stirbt, werden die Ermittlungen schon bald eingestellt. In Anbetracht der zahlreichen Krankheiten, an denen die Patientin litt, ist es schwierig festzustellen, inwieweit Fremdverschulden den Tod beeinflusst hat.

„Der Fall zeigt ganz gut, wie kompliziert es ist, Gewalt gegen Ältere zu identifizieren und zu verhindern. Weder Hausarzt noch Nachbarn oder Bekannte sind rechtzeitig aufmerksam geworden“, sagt Symposiums-Leiterin Dr. Barbara Hanussek, Ärztin für Innere Medizin und Geriatrie. Zu häufig wird ausgeblendet: „Gewalt bedeutet weit mehr als nur blaue Flecke.“

Die Formen von Gewalt sind vielfältig und reichen von Vernachlässigung und finanzieller Ausbeutung bis hin zu körperlichen Übergriffen und sexuellem Missbrauch. Speziell pflegebedürftige Menschen sind von anderen abhängig und dadurch gefährdet, Opfer von Gewalt sowohl im häuslichen Bereich als auch in Institutionen wie Altenheimen zu werden. Zu den Risikofaktoren gehören unter anderem soziale Isolation, körperliche Behinderungen und die Beeinträchtigung kognitiver Fähigkeiten, zum Beispiel durch Demenz.


Gewalt als Folge von Überforderung?

„Häufig zählen die Täter zu den Bezugspersonen ihres Opfers. Das können Familienangehörige, aber auch professionelle Pflegekräfte sein“, sagt Frau Dr. Hanussek. „Durch die persönliche Beziehung ist es schwierig, Gewalttaten aufzudecken.“

Zumal die Täter nicht pauschal kriminalisiert werden sollten. Gerade im Rahmen häuslicher Pflege, wenn Ehepartner oder Kinder die Betreuung übernehmen, können die Gewalttaten auch Folge von Überforderung sein. Umso wichtiger ist es, rechtzeitig einzugreifen und Hilfe anzubieten, um eine Situation zum Vorteil aller Beteiligten zu deeskalieren.


Experten beleuchten Thematik

Wie dies konkret geschehen kann, dem widmen sich mehrere Experten in ihren Vorträgen auf dem DGG-Jahreskongress. Prof. Dr. Dr. Gisela Zenz aus Frankfurt spricht als Juristin über die Anforderungen an Politik und Gesetzgebung, um Gewaltschutz zu verbessern.

Uwe Brucker, Fachgebietsleiter für pflegerische Versorgung des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) in Essen, stellt unter anderem ein europäisches Präventionsprojekt zur Verhinderung von Gewalt an pflegebedürftigen alten Menschen (MILCEA) vor.

Prof. Dr. Johannes Pantel, Inhaber der Stiftungsprofessur Gerontopsychiatrie der Goethe-Universität Frankfurt, spricht über das Thema „freiheitsentziehende Maßnahmen“ und zeigt mögliche Alternativen auf.

Den Abschluss bildet die Vorstellung des  Forensischen Konsils Gießen, einem Online Portal zur Verletzungsdokumentation von Gewaltopfern, durch Prof. Dr. Dr. Reinhard B. Dettmeyer, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Justus-Liebig-Universität Gießen.


Jahreskongress der DGG in Frankfurt am Main

3. bis 5. September 2015

Symposium „Gewalt gegen ältere Menschen“
4. September 2015, 17 Uhr

Alterstraumatologisches Zentrum

Alterstraumatologisches Zentrum Geriatrisches Zertifikationsverfahren

Mehr Qualität in der Behandlung betagter Traumapatienten: Der Bundesverband Geriatrie hat unter Beteiligung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) ein Zertifikat für Alterstraumatologische Zentren (ATZ) entwickelt. Erste Zertifizierungen sind bereits erfolgt.

Ziel ist, den spezifischen Bedürfnissen betagter Traumapatienten besser gerecht zu werden, indem geriatrischer und unfallchirurgischer Sachverstand effizient zusammenfließen. In dem neu geschaffenen Anforderungskatalog für ATZ werden die Grundlagen geschaffen, die der Zusammenarbeit beider Fachbereiche einen organisatorischen und qualitativ angemessenen Rahmen geben.

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Sterbehilfe-Debatte

SterbehilfeStellungnahme des DGG-Vorstandes

Im Januar 2014 hat Bundesgesundheitsminister Gröhe eine gesetzliche Neuregelung der „Sterbehilfe“ angekündigt. Fraktionsübergreifend sind inzwischen von verschiedenen Abgeordneten mehrere Gesetzentwürfe vorgelegt worden, die derzeit im Deutschen Bundestag diskutiert werden. Im November 2015 soll die Abstimmung darüber erfolgen. In der Praxis betreffen die diskutierten Vorschläge in erster Linie ältere Menschen. Deshalb sieht sich der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) in der Pflicht, zur Sterbehilfe-Debatte insgesamt Position zu beziehen.

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