Katrin Singler (26.10.2016) Die Zahl der geriatrischen Patienten steigt deutlich an – und für viele ist die Notaufnahme erste Kontaktstelle beim Weg ins Krankenhaus. Im Notfall sind es Hochrisikopatienten – schon für die Erstaufnahme ist geriatrisches Wissen nötig. Doch in der Vergangenheit gab nur wenige Berührungspunkte zwischen Notaufnahme und Geriatrie. Erst in den vergangenen Jahren kam ein verbesserter Austausch unter den Medizinern zustande. Damit diese Verbindung nicht nur hält, sondern auch fachlich ausgebaut werden kann erschien nun erstmals ein internationales und über viele Fachgesellschaften greifendes Positionspapier. „Wenn unsere erarbeiteten Ratschläge von Geriatern und Notfallmedizinern übernommen werden, kann das dazu beitragen die Versorgungsqualität geriatrischer Patienten deutlich zu verbessern, sagt Privatdozentin Dr. Katrin Singler, Oberärztin der Geriatrischen Klinik am Klinikum Nürnberg, und Mitglied der DGG-Arbeitsgruppe „Notfall- und Intensivmedizin“ sowie der Arbeitsgruppe „Der ältere Patient in der Notfallmedizin“ der DGINA. Unter ihrer und Herrn Prof. Dormanns (DGINA) Leitung wurde das Positionspapier mit dem Titel „Der geriatrische Patient in der Notaufnahme“ in den vergangenen zwölf Monaten erarbeitet.

Beteiligt waren an der Arbeit die Deutsche Gesellschaft Interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin (DGINA), die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG), die Deutsche Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG), die Österreichische Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie (ÖGG) und die Schweizerische Fachgesellschaft für Geriatrie (SFGG).
„Uns sind die Punkte in dem neuen Papier sehr wichtig, weil wir die Weichen für die weitere adäquate Behandlung der Patienten schon in der Notaufnahme stellen müssen“, sagt Singler. Auch wird in dem Positionspapier auf den für den deutschsprachigen Raum erstmals zur Verfügung stehenden Katalog mit Qualitätsindikatoren für geriatrische Patienten in der Notfallmedizin hingewiesen, an deren Entstehung von geriatrischer Seite Dr. Singler ebenfalls beteiligt war.

Weniger Risiko für die Patienten und mehr geriatrisch geschulte Notfallmediziner

Doch was konkret ließe sich ändern und verbessern? „Vor allem könnten Risikofaktoren bei den Patienten viel früher festgestellt werden“, sagt Singler. So könne beispielsweise ein bei Aufnahme ins Krankenhaus bestehendes Delir frühzeitig bemerkt werden. Geriatrischer Handlungsbedarf werde generell schneller erkannt. Eine Medikationsanamnese mit Plausibilitätsprüfung könnte bereits zum Aufnahmezeitpunkt stattfinden. Mögliche Sturzrisikofaktoren könnten direkt identifiziert werden. Auch die Identifizierung eines geriatrischen Handlungsbedarfs gehöre in die Notaufnahme.
„Viele Notfallmediziner meinen, dafür keine Zeit zu haben. Ich glaube aber, dass jetzt die Zeit reif ist für einen Richtungswechsel. Wir müssen unseren Kollegen aufzeigen, wie wir beispielsweise durch effektive Screenings im Nachhinein Zeit sparen und eine bessere Behandlung gewährleisten können“, sagt Singler. „Und nicht zuletzt ist es wichtig, dass die betreuenden Teams in der Notaufnahme geriatrisches Fachwissen und geschulte soziale Kompetenzen im Umgang mit den alten Patienten mitbringen“, so die Geriaterin. „Gerade für die Notfallmediziner steckt einiges Neuland in unserem Papier.“

Neue Screening-Instrumente müssen noch entwickelt werden

Bereits in der Notaufnahme müsse es verbindliche Qualitätsstandards für den Umgang und die Versorgung von geriatrischen Patienten geben, so eine zentrale Forderung des Positionspapiers. Dazu gehört ein geriatrisches Basiswissen bei Medizinern wie auch bei Pflegern, dass regelmäßig erneuert wird. Auch eine weiterführende Versorgungsforschung im Bereich der Akut- und Notfallmedizin soll unterstützt werden. Weitere Forderungen sind, dass der Erstkontakt in den Notaufnahmen für alle Patienten durch ein validiertes Triage-Instrument sichergestellt ist. Zudem sollen Vulnerabilität und Risikofaktoren der geriatrischen Patienten systematisch mit noch zu entwickelnden Screening-Instrumenten erfasst werden.

Positionspapier nimmt Einfluss auf die Bildungsarbeit

„Unser Positionspapier dient natürlich auch dazu, erstmals die beiden Fachbereiche zusammenzubringen“, sagt Singler. Schließlich sei auch für Geriater der Einsatz in der Notfallmedizin nicht selbstverständlich. Geriatrie und Notfallmedizin werden traditionell unterschiedlich gehandhabt. Nun aber können die Ergebnisse des Positionspapiers in die Bildungsarbeit beider Fachrichtungen einfließen. „Wir arbeiten beispielsweise an einem europäischen Postgraduierten-Curriculum für Geriater, das auch Schwerpunkte für Notfallmedizin enthält“, so Singler. „Damit können wir der ständig steigenden Zahl an geriatrischen Patienten behandlungseffektiv entgegentreten.“

Bildnachweis: Klinikum Nürnberg

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