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PD Dr. med. Werner Hofmann(05/2010) Im Rahmen des 5. gemeinsamen Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Österreichischen Gesellschaft für Geriatrie und Gerontologie (ÖGGG) haben die Mitglieder der DGG einen neuen Vorstand gewählt. Das GERIATRIE JOURNAL sprach mit dem Präsidenten PD Dr. Werner Hofmann über die anstehenden Aufgaben.


GJ: Herr Dr. Hofmann, vor zwei Jahren sind Sie zum Präsident elect der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) gewählt worden. Was waren Ihre Beweggründe, für dieses Amt zu kandidieren?

Hofmann: Schon als junger Assistenzarzt der Inneren Medizin interessierten mich die interdisziplinären Tagungen der damaligen Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) sehr. Vor 25 Jahren habe ich lebhaft miterlebt, wie sich daraus das Gebiet der Geriatrie als selbstständige berufliche und wissenschaftliche Ausrichtung nach und nach etablierte. Mein Ziel ist, den Weg dieses neuen und jungen Fachgebiets, das sich auf dem Boden der Inneren Medizin entwickelt, weiter voran zu treiben.

Für mich ist die Entwicklung der Geriatrie vergleichbar mit der Kardiologie, der Gastroenterologie etc., deren Wurzeln vor vielen Jahrzehnten ursprünglich in einer Art „Allgemeiner Innerer Medizin“ lagen. In ähnlicher Weise entwickelt sich – mit zunehmenden Wissen – die Geriatrie als Schwerpunkt im Gebiet der Inneren Medizin. Auf der anderen Seite ist die Geriatrie gleichzeitig prädisponiert, Brücken zur Alterstraumatologie, Gerontopsychiatrie etc. zu schlagen, also interdisziplinäre Konzepte zu entwickeln.

GJ: In diesem Jahr sind Sie zum Präsidenten der DGG gewählt worden. Was reizt Sie an dieser Aufgabe und welchen Bereichen wollen Sie sich während Ihrer Amtszeit besonders widmen?

Hofmann: Als erstes möchte ich darauf hinweisen, dass sich im Zuge der diesjährigen Vorstandswahlen der Vorstand erheblich verjüngt hat. Erstmals wurde eine Frau, nämlich Dr. Anja Kwetkat, Universität Jena, als Sekretärin, in ein Vorstandsamt gewählt. Darüber und auf die Zusammenarbeit mit den neuen Mitgliedern freue ich mich. Danken möchte ich den ausgeschiedenen Vorstandsmitgliedern, Prof. Roland Hardt und Prof. Bernhard Höltmann sowie dem ehemaligen Past-Präsidenten Prof. Cornel Sieber für ihre Verdienste und ihren langjährigen Einsatz für die DGG.
Die Geriatrie besitzt ein großes Entwicklungspotenzial und wird in den nächsten Jahren erheblich wachsen. Dies betrifft vor allem die stationären Einrichtungen, die Anzahl der Patienten und damit einhergehend die Bettenzahlen. Die DGG ist eine Gesellschaft, die sich im Aufwind befindet. Da gibt es einerseits große Herausforderungen und andererseits einen deutlichen Gestaltungsspielraum und natürlich die Möglichkeiten, eigene Vorstellungen einzubringen und umzusetzen. Das sehe ich als Herausforderung, die mich am meisten reizt. Hauptaufgabe ist für mich die Etablierung der Weiterbildung zum Facharzt Geriatrie.

GJ: Welche Ziele liegen Ihnen weiterhin persönlich am Herzen?

Hofmann: Zunächst geht es darum, die Geriatrie öffentlichkeitswirksam darzustellen, und die Fort- und Weiterbildung der Kollegen zu unterstützen. Einerseits denke ich an die Nachwuchsförderung, nämlich Angebote für junge Assistenzärzte zu machen, andrerseits an die Hausärzte, die wir mehr für die Geriatrie gewinnen müssen als bisher. In diesem Zusammenhang ist es meine Hauptaufgabe, die Kongresse und Jahrestagungen der DGG inhaltlich zu gestalten.
Eine weitere wichtige Aufgabe wird es sein, die geriatrischen Aktivitäten, die zunehmend in den benachbarten Gesellschaften zu erkennen sind, mit der DGG zu vernetzen und Kontakte mit weiteren Fachgesellschaften zu suchen und sie konkret in die Jahrestagungen der DGG einzubinden. Dies betrifft zum Beispiel die erwähnte Alterstraumatologie, Gerontopsychiatrie, aber auch einschlägige Schwerpunkte der Inneren Medizin. Auf Grund der Tatsache, dass die Zahl der älteren Menschen in den Krankenhäusern zunehmen wird, gehe ich davon aus, dass wir uns verstärkt mit den Abläufen, den Standards und der Verbesserung der Versorgungsqualität in den
Akutkrankenhäusern befassen müssen. Das betrifft die bekannten geriatrischen Erkrankungen wie Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Mangelernährung, Stürze und so weiter.

GJ: Hinzu kommt die steigende Anzahl Demenzkranker.

Hofmann: Ja, genau. Gegen Ende dieses Jahres wird es bereits fast 15 Spezialstationen für Demente an Krankenhäusern geben, die von der Geriatrie betrieben werden. Hier weitere Modelle voranzubringen und die Versorgung Demenzkranker im Akutkrankenhaus zu verbessern, wird eine ganz wesentliche Aufgabe sein.
Eine mindestens gleichwichtige Aufgabe besteht darin, die Zusammenarbeit mit der Unfallchirurgie zu suchen. Die Zahl der Patienten, die eine Schenkelhalsfraktur erlitten haben und möglicherweise an einer Demenz erkrankt sind, wird stark zunehmen. Kooperationsmodelle mit Traumatologen werden allgemein eine größere Rolle spielen. Nicht zu vergessen sind die interdisziplinären Stationen, die es vermehrt zu etablieren gilt und natürlich die Kostensituation und die Sicherung bzw. Weiterentwicklung der Versorgungsqualität.

GJ: Wo bleiben die Hausärzte?

Hofmann: Hier wird die ärztliche Versorgung der Heime einen wesentlichen Aspekt darstellen, denn die Pflegeheime werden zusehends weniger von Hausärzten versorgt. Eine Situation, die auch mit dem Nachwuchsmangel im Hausarztbereich zusammenhängt. Dies wollen wir versuchen zu ändern, indem wir im Rahmen unserer Jahrestagung durch akademisch curricular ausgerichtete Programme das Interesse wecken und die Bereitschaft, Heime in einer guten Art und Weise mit geriatrischem Wissen zu versorgen, verstärken wollen.

GJ: Was ist mit den geriatrischen Patienten, die noch zu Hause leben und zum Hausarzt gehen?

Hofmann: Wenn wir die beiden Schritte, also die Verbesserung der stationären Versorgung und der Fortbildungen für Hausärzte, erreicht haben, geht es in der dritten Stufe darum, die bislang leider nur vereinzelt vorhandenen, ambulanten geriatrischen Versorgungssysteme auszubauen. Bundesweit, bislang leider nur vereinzelt, gibt es Initiativen, die durch den fachlichen Input der Fachgesellschaft zu unterstützen sind.

GJ: Sie sind Chefarzt der Klinik für Frührehabilitation und Geriatrie in Neumünster und in Bad Bramstedt. Ihre berufliche Tätigkeit erfordert hohen Einsatz. Wie ist der Rückhalt für die DGG-Arbeit in Ihrem Haus?

Hofmann: Verbandstätigkeit wie die Präsidentschaft in der DGG wird dort geschätzt. Sie bringt Kontakte zu anderen Fachgesellschaften, zu Fachleuten und natürlich zu Universitäten. Die Klinik profitiert sowohl durch den Wissenszuwachs als auch durch die damit verbundenen Netzwerkkontakte. Vor diesem Hintergrund erhalte ich glücklicherweise Unterstützung.

GJ: Sie waren Kongresspräsident des Kongresses in Potsdam. Wie ist das Feedback von den Teilnehmern?

Hofmann: Wir hatten in diesem Jahr, auf die drei Kongresstage verteilt, kumulativ über 800 Teilnehmer. Das gab es noch nie. Gleiches gilt für die hohe Zahl der 150 Vortrags- und über 50 Postermeldungen. Ganz besonders freue ich mich darüber, dass ebenfalls zum ersten Mal so viele junge Kollegen an der Tagung teilgenommen haben. Ich denke, diese Tatsachen sprechen für sich. Die Rückmeldungen sind sehr positiv.
Die kommunikationsfördernde Atmosphäre, auch die Qualität der Vorträge wurde von allen als ausgesprochen hochstehend bewertet.

GJ: Nach dem Kongress ist vor dem Kongress. Die nächste Tagung findet im September 2011 in Bad Bramstedt statt. Was ist Reizvolle an diesem Ort?

Hofmann: Bad Bramstedt liegt im Flächenstaat Schleswig-Holstein, in unmittelbarer Nähe von Hamburg und ist über den Flughafen Fuhlsbüttel sowie über die Autobahn A7 gut zu erreichen. Das Krankenhaus kooperiert mit dem Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg und mit der Universität zu Lübeck. In Bad Bramstadt sind Lehrstühle für Orthopädie und für Rheumatologie angesiedelt. Insgesamt werden dort über 600 Betten für die Akutversorgung und die Rehabilitation vorgehalten. Damit haben vor allem die Traumatologie und Erkrankungen des Bewegungsapparates dort ein ideales Ambiente. Auch fehlte bisher in Norddeutschland im Laufe der letzten Jahre eine derartig große, überregionale Veranstaltung, so dass ich da auch mit einem sehr großen Interesse rechne.

GJ: Worauf dürfen sich die Teilnehmer des DGG-Kongresses 2011 freuen?

Hofmann: Auf neue Themen wie Gerontotechnologie und robotergestützte Rehabilitation beispielsweise. Weitere Themen werden sein Qualitätssicherung, die Versorgung Demenzkranker, Sturzproblematik, State of Art zum Thema Assessment, insbesondere der Einsatz von Assessmentmethoden im Hausarztbereich. Weitere Schwerpunkte werden die Nachwuchsförderung und die Delegation ärztlicher Leistungen darstellen. Damit meine ich, dass zunehmend nicht medizinische Berufsgruppen uns Ärzten Tätigkeiten abnehmen. Zu denken ist z.B. an Dokumentationstätigkeiten, aber auch an Therapiezielformulierungen, an Begleitungen und Evaluationen therapeutischer Behandlungen.
Ganz entscheidend ist dabei, dass der Arzt und Geriater die Führungs- und die Entscheidungsverantwortung für die Gesamtbehandlung weiter wahrzunehmen hat. Das wiederum, um den Bogen zu schließen, knüpft an die Themen Fortbildung, Weiterbildung, Facharztqualifikation, Forderung des Facharztes Geriatrie an. Um diese Aufgabe wahrnehmen zu können, wird auch der Status eines Facharztes Geriatrie zunehmend wichtiger und in den Fokus rücken.

GJ: Bis wann sollten Interessenten ihre Abstracts abgeben?

Hofmann: Bis 30. April 2011.

GJ: Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

PD Dr. Werner Hofmann,
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG)