Alte Menschen können mit junger Technik umgehen(24.01.12) Technische Systeme werden bei der medizinischen und pflegerischen Betreuung von alten Menschen immer wichtiger. Sie helfen den Betroffenen, länger selbstbestimmt in ihrem gewohnten Alltag zu leben. Gleichzeitig entlasten sie die Familie und das Gesundheitssystem. Besonders wichtig: Alte Menschen kommen entgegen vielen Vorurteilen mit der Technik sehr gut zurecht – sie muss nur gut sein.

Das betonten Experten aus Medizin und Ingenieurwissenschaften auf einem Symposium der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und des Verbandes der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE) am 19. Januar in Köln.

„Wir werden schon bald nicht mehr genügend Pflegekräfte haben, um unsere immer älter werdende Bevölkerung zu betreuen“, sagte der Organisator des Symposiums, Prof. Dr. Ralf-Joachim Schulz, Lehrstuhl für Geriatrie der Uniklinik Köln und kommender Präsident der DGG. Er bezog sich damit auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes, nach denen bereits 2025 etwa 152.000 Pflegerinnen und Pfleger in Deutschland fehlen werden (1). Der Personalmangel gelte für den ambulanten Bereich, zum Beispiel für ambulante Pflegedienste, aber auch für Krankenhäuser, die schon heute häufig an ihre Kapazitätsgrenzen stießen.


Trend zu Single-Haushalten nimmt Gesundheitssystem in die Pflicht

Ursache dafür ist einerseits das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung in Deutschland, denn immer mehr alte Menschen brauchen immer mehr Betreuung. Aber auch gesellschaftliche Veränderungen spielen eine wichtige Rolle, zum Beispiel der Trend zu Single-Haushalten, auch und gerade bei Älteren. „Schon jetzt leben 43 Prozent der Frauen über 65 Jahren in solchen Single-Haushalten“, sagte Dr. Michael Meyer von Siemens Deutschland Healthcare auf dem Symposium. Viele Betreuungsaufgaben, die früher die Familie übernommen habe, müsse daher heute das Gesundheitswesen abdecken. Intelligente Assistenzsysteme für ältere Menschen könnten ihnen dabei helfen, möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung zu bleiben. Gleichzeitig sei aber wichtig, auch die Kliniken, Pflegeheime und ambulanten Pflegedienste mit Hilfsmitteln auszustatten, die ihnen die Arbeit vereinfachten.


Ältere haben selten Vorbehalte gegen Assistenzsysteme

Ökonomische Anforderungen des Gesundheitswesens decken sich in diesem Punkt mit wichtigen Wünschen und Bedürfnissen der Betroffenen, erläuterte Prof. Dr. Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Leiterin der Forschungsgruppe Geriatrie an der Berliner Charité und Ärztliche Direktorin des Evangelischen Geriatriezentrums Berlin. Ältere Menschen wünschten sich, möglichst lange zu Hause selbstbestimmt zu leben. Dafür seien sie auch für technische Möglichkeiten sehr aufgeschlossen. „Ältere Menschen können sehr gut mit junger Technik umgehen“, betonte sie, die Assistenzsysteme müssten nur gut zu bedienen sein und ihre Aufgaben wirklich erfüllen. Technikängste und -vorbehalte seien äußerst selten, auch bei den Angehörigen. Im Gegenteil: „Wer einmal in der Wohnung gestürzt ist und sich nicht zu helfen wusste, der verlangt nach Assistenzsystemen, die ihn unterstützen und bei Bedarf Hilfe organisieren“, sagte sie. Vorbehalte gegen solche Systeme gebe es vor allem bei jüngeren Menschen, die mit den Problemen Älterer noch wenig zu tun hätten.


Technik könnte Klinikaufenthalte vermeiden helfen

Dass solche intelligenten Assistenzsysteme nicht nur die Betreffenden und deren Angehörigen entlasten, berichtete Prof. Schulz. Die Übermittlung von Blutzuckerdaten über das Handy an ein Behandlungszentrum, ein „Thinking Carpet“, der Stürze registriere, und viele andere Innovationen könnten dazu beitragen, dass Patienten nach einem Klinikaufenthalt leichter in die ambulante Versorgung hineinfänden und Probleme frühzeitig auffielen. Schulz betonte, dass wegen der immer kürzer werdenden Liegezeiten in den Krankenhäusern viele Patienten nach einem kurzen Intermezzo zu Hause wieder in die Klinik müssten. Diesen „Drehtüreffekt“ könnten Assistenzsysteme und eine gute Vernetzung der Klinik mit ambulanten Praxen und Pflegediensten auffangen und dem Patienten einen neuen Krankenhausaufenthalt ersparen.

Die Möglichkeiten und der Entwicklungsstand von Gerontotechnologien ist auch Thema auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie vom 12. Bis 15. September 2012 in Bonn.


(1) Deutsches Ärzteblatt 2011; 31-32: 1660