Jedes zweite heute geborene Mädchen wird voraussichtlich 100 Jahre alt werden. Die key note lecture von Karen Andersen-Ranberg, Universität Odense (DK) setzt sich unter dem Titel “Why bother about centenarians” mit dieser Frage auseinander:

„In the last 50 years there has been a 20-fold increase in the number of centenarians. Centenarians of today show higher morbidity probably benefitting from better health care, preventive measures and improved treatments. Our cohort shows a marked improvement in physical disability, but also a tendency of increasing morbidity. Those who become centenarians seem to have been healthier at younger ages. It may well be that morbidity is expanding rather than being compressed. Indeed, modern medicine may have brought years to life (living longer), but not life to years (living worse)!”

Man sollte den Jahren Leben geben.


Priorisierung und Entscheidungsfindung

Die Frage, was, wem, in welcher Lebensphase an medizinischen Leistungen zu Gute kommen kann, sollte innerhalb realistischer ökonomischer Rahmenbedingungen immer individuell entschieden werden können. Wir Ärzte wissen am besten, wie wenig für künftige Zeiten „vorausverfügte“ Festlegungen tatsächlich zutreffen, wenn sich lebenskritische Umstände dann wirklich einstellen .

Wir kommen nicht darum herum, unter den Gesichtspunkten von Autonomie, Ethik und Ökonomie aktuelle Entscheidungen zu einem Zeitpunkt im Lebenslauf eines einzelnen dann zu treffen, wenn diese anstehen und auch, Prioritäten zu setzen. Eine Priorisierung sollte aber werte– und kriterienbasiert sein, so Heiner Raspe, Universität Lübeck, in seiner key note lecture: „Die dem Gesundheitswesen zur Verfügung stehenden Mittel sind begrenzt, aber nicht knapp. Eine systematische offene Priorisierung ist seit mehr als 25 Jahren ein politisches Thema in unseren skandinavischen Nachbarländern. Schweden hat eine besondere Form von Leitlinien entwickelt – auf einer gefestigten Werte- und Kriterienbasis. Das Problem wird reflektiert, die deutsche Diskussion und die schwedische Entwicklung aktuell aus versorgungswissenschaftlicher Sicht dargestellt. Wir empfehlen, das Thema nicht zu unterdrücken, sondern uns nach ausländischen Vorbildern zu orientieren!“

Autonomie und Ökonomie

Andreas Stuck, Geriatrie Universität Bern (CH), spricht in seiner key note lecture über das geriatrische Assessment als möglichem „Instrument“ zur Entscheidungsfindung: „Es kann in Rehabilitation, Akutversorgung, Pflege, Onkologie, Palliativversorgung und Prävention zur Entscheidungsfindung beitragen. Für alle Anwendungen gilt, dass die Wirksamkeit des Assessments nur dann gegeben ist, wenn Entscheidungen umgesetzt werden, also ein geriatrisches Management sichergestellt ist.“

Die Grenzen von Autonomie und Ökonomie beleuchtet Gabriela Stoppe, Universität Basel (CH), aus der Sicht der Schweiz: „Im Vergleich zu Deutschland ist in der Schweiz die Freiheit des Individuums höher gestellt. Problematisch ist auch die Regulierung der Sterbehilfe, die mit einem regelrechten „Sterbetourismus“ einhergeht. Das derzeit unbestrittene Paradigma der möglichst großen Autonomie kommt dort an seine Grenzen, wo der Mensch diese Autonomie nicht im vorgesehenen Sinne ausüben kann.“

Versorgungsforschung könnte dazu beitragen, hier ein Gleichgewicht aufrecht zu erhalten (Norbert Lübke, Hamburg). Künftig wird es notwendig werden, die Geriatrie bereits in die Notaufnahme des Krankenhauses zu integrieren und Versorgungsketten bis in die Gemeinde und in das Pflegeheim zu schaffen (Dieter Lüttje, Osnabrück).

Zukunfts-Chancen

Auf die Zukunfts-Chancen, aber auch auf die gleichzeitig bestehenden Risiken der Gerontotechnologie geht Clemens Becker, Stuttgart, Robert-Bosch-Forschungskolleg, ein. Diese steht ganz im Mittelpunkt neuer Entwicklungen von AAL-Systemen (Ambient Assisted Living) über robotergestütze Rehabilitation bis zum Einsatz von gezielter Lichtanwendung in der Altersmedizin. Themen, die die Mobilität fördern, Sport- und Bewegungstherapie, Möglichkeiten der Orthopädie und vieles andere mehr stehen im Programm. Motorisch-kognitive Trainingsmöglichkeiten sind wirksam, sogar „trotz“ bereits bestehender Demenz (Klaus Hauer, Heidelberg).

Carsten Hendriksen, Universität Kopenhagen (DK), rundet die key note lectures ab: „The positive effects of physical activities are well described. Older people have the chance of living longer without onset of disability. But how to translate the scientific evidence to daily practice? Effective prevention is possible. Do older people receive this to day? – and tomorrow?“

Aktuelle Stellenangebote