Älterer Herr beantwortet Fragen

(23.06.2015) Vertauschte Rollen: Gewöhnlich kommen Patienten zu Psychotherapeuten in die Praxis. Sind diese hochbetagt, ist deren Mobilität aber oft eingeschränkt – manche sogar bettlägerig. Daher geschieht es immer öfter, dass der Psychotherapeut bei dem Patienten daheim auf der Couch Platz nimmt. Welche Chancen, aber auch welche Probleme diese ungewohnte Situation bietet, darüber informiert das Symposium „Psychosomatik in der Geriatrie“ auf dem Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) in Frankfurt am Main.


Immer mehr immobile, multimorbide Ältere brauchen Psychotherapie. Zum einen, weil erst im Alter psychische Störungen auftreten. Zum anderen, weil sie erst dann das Bedürfnis verspüren, Verdrängtes aufzuarbeiten – weil sie all die Jahre zuvor eine ausreichend stabile Abwehr hatten, gute Beziehungen, ein klares Konzept, was wichtig ist und was nicht, sowie einen gesunden Körper. Gerade das Erleben von Krankheit und Immobilität konfrontiert viele geriatrische Patienten mit belastenden emotionalen Zuständen und Erinnerungen. Nicht zuletzt, weil viele noch als Kinder und Jugendliche den 2. Weltkrieg erlebten mit all seinen kollektiven Traumatisierungen wie Flucht, Bombenterror, Verlust und Verfolgung.

„Man empfindet dann Gefühle, die so aktuell nicht angemessen sind, aber Sinn machen, wenn man einen Zusammenhang mit den sehr belastenden Kindheitserfahrungen herstellt“, sagt Symposiumsleiter PD Dr. Reinhard Lindner, Oberarzt für Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie an der Medizinisch-Geriatrischen Klinik Albertinen-Haus in Hamburg. „Gerade bei den Hochbetagten handelt es sich um eine Generation, die in den 50er-Jahren noch sehr viele Vorbehalte gegen ‚Psycho’ hatte, auch begründet aus den Erfahrungen unserer Bevölkerung mit den Psychiatern des Nationalsozialismus, die ja Patienten um der sogenannten ‚Volksgesundheit’ willen getötet haben.“


Vom Therapeuten zum Gast

Eine aufsuchende Therapie ist oft die einzige Möglichkeit, um diese Patienten zu behandeln. Dies kann durchaus von Erfolg sein – bringt aber auch Probleme mit sich, da die private Umgebung, in der die Therapie stattfindet, die Beziehung zwischen Patient und Behandler erheblich verändert. Der Psychiater wird zum Gast, für den die Wohnung geputzt, Kaffee gekocht wird. Die „Beziehungsszene“ rückt in die Nähe eines Hausarztbesuches, aber auch informeller, freundschaftlicher Kontakte. So kann es passieren, dass dem Psychotherapeuten der Parkplatz des verstorbenen Mannes fürs Auto angeboten wird. Die sogenannte „Übertragung“, d.h. das, was der Patient im Therapeuten sieht, nimmt andere Formen als in der Praxis an.

„Man ist sehr realen Fakten, Personen, Gegenständen und Situationen ausgesetzt, deren Bedeutungsgehalt erschlossen werden muss“, sagt Lindner. „Aber es ist trotzdem möglich, nicht nur ich-stützend, sondern auch klarifizierend, konfrontierend und bewusstseinsnah deutend zu arbeiten.“


Das Selbstverständnis wird in Frage gestellt

Noch ist die Zahl solcher Therapieangebote jedoch gering. Welche geriatrisch-psychotherapeutischen, ambulanten Behandlungsmöglichkeiten es bisher gibt, darüber informiert Dr. Jana Hummel, niedergelassene Allgemeinmedizinerin und Psychotherapeutin in einer geriatrischen Schwerpunktpraxis aus Mannheim.

Über die Ergebnisse einer verhaltenstherapeutischen Studie in Berliner Pflegeheimen berichtet dagegen PD Dr. Eva-Maria Kessler vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg, Abteilung Psychologische Alternsforschung. Diese untersuchte speziell den Einfluss der ungewohnten Situation auf das Selbstverständnis der Therapeuten in einem institutionellen Rahmen, wie dem Heim, während der Behandlung.


Jahreskongress der DGG in Frankfurt am Main
3. bis 5. September 2015

Symposium: "Psychosomatik in der Geriatrie"
4. September 2015, 17 Uhr