Prof. Graziano Onder(18.08.2015) Nicht nur der Gesundheitszustand der älteren Menschen wird immer komplexer – auch die Behandlungsmethoden werden es. Das stellt auf der einen Seite die Kliniken vor neue Herausforderungen, da sich Arbeitsbereiche immer mehr überschneiden. Auf der anderen Seite wird eine Behandlung durch Multimedikation immer vielschichtiger, was durchaus zu neuen Problemen führen kann. Auf diese Zusammenhänge und damit verbundenen Herausforderungen geht der renommierte Professor Graziano Onder von der Catholic University of the Sacred Heart in Rom während seiner Keynote-Lecture auf der Jahrestagung der DGG in Frankfurt am Main ein. Sein Thema: „Probleme der Multimedikation bewältigen. Wo stehen wir heute und wohin sollen wir gehen?“

„In dieser Keynote bekommen wir einmal das komplette Bild aufgezeigt, vor welchen Herausforderungen wir diesbezüglich heute stehen – und wie wir diese Probleme lösen könnten. Graziano Onder hat eine Expertise auf höchstem Niveau“, sagt DGG-President-elect PD Dr. Jürgen Bauer. Er hat den Italiener zum diesjährigen DGG-Kongress nach Frankfurt am Main eingeladen. „Es gibt noch viele offene Fragen bei der Multimedikation. Interessant ist auch zu hören, wie Mediziner in anderen Ländern an die Probleme herangehen. Da hat Onder den besten Überblick“, weiß Bauer. Die Gesundheitssysteme weltweit stehen einer Bevölkerungsgruppe gegenüber, die immer älter und älter wird. Zudem kann der Gesundheitszustand von diesen Patienten jeder Zeit zu verschiedenen kognitiven und funktionalen Beeinträchtigungen führen. Dazu zählen Wahnvorstellungen, Sturzgefahr und Inkontinenz – was letztendlich natürlich große Auswirkungen auf die Lebensqualität hat.


Klinische Richtlinien nicht eindeutig, Behandlung individueller und flexibler

Nicht ganz einfach sei es zudem, Empfehlungen aus klinischen Richtlinien anzuwenden. Denn die Basis dieser Richtlinien sei aus den Ergebnissen von randomisierten, klinischen Studien abgeleitet. „Diese sind nicht immer repräsentativ“, weiß der DGG-President-elect Bauer. „Zumindest nicht bei der betreffenden Bevölkerungsgruppe!“ Auch stelle sich bei den gewonnenen Ergebnissen die Frage der klinischen Relevanz, so Professor Onder, der an der römischen Klinik im Department of Geriatrics, Neurosciences and Orthopedics arbeitet.

Die Pflege und medikamentöse Behandlung der älteren Patienten solle vielmehr individuell und flexibel gehandhabt werden. Der Gesundheitsstatus der Patienten erfordere es zudem, dass die Behandlung, und damit auch die Medikamente, regelmäßig angepasst werden. Geschieht dies nicht, könnte die Behandlung gerade bei geriatrischen Patienten überflüssig oder sogar gefährlich werden.


Eine globale Bewertung ist notwenig

Graziano Onder meint, dass eine globale Bewertung dieser Patientengruppe notwendig sei, um den Prozess der Pflege zu individualisieren und die Verschreibung von Medikamenten qualitativ zu verbessern. In diese Bewertung müssen Merkmale wie Multimorbidität, der funktionale und kognitive Status, mögliche soziale Probleme, geriatrische Syndrome und die Lebenserwartung mit einbezogen werden. „Hier wird uns Onder aufzeigen, welche Initiativen er aktuell sieht und wie deren Kenntnisstand ist,“ sagt Bauer. Eine Möglichkeit nach Graziano Onder wäre eine umfassende globale Beurteilung, das so genannte Comprehensive Geriatric Assessment (CGA). Es ermögliche eine vollständige Beurteilung und Steuerung der Probleme im Gesundheitswesen beziehungsweise der medizinischen Versorgung. Zudem sollten die aus dem Assessment gewonnenen Ergebnisse dazu genutzt werden, die Entwicklungen in der Pflege anzutreiben und natürlich, um klinische Leitlinien für ältere Patienten zu vervollständigen. „Bisher gibt es noch zu wenig Studien darüber, wie hochbetagte Patienten behandelt werden sollen“, bilanziert Bauer. „Dieser Vortrag wird uns aber aufschlussreiche Hinweise darüber geben, wie wir zukünftig vorgehen könnten. Ich bin bereist sehr gespannt!“


Jahreskongress der DGG in Frankfurt am Main
3. bis 5. September 2015

Prof. Dr. Graziano Onder, Rom
Keynote-Lecture: „Tackling the problems of polypharmacy - Where do we stand and where should we go?”
4. September 2015, 14:30 Uhr

Hinweis: Dieser Vortrag ist in Englisch.

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