Desmond O'Neill MD, Dublin(01.04.2014) Autofahren gehört für fast alle Menschen zum Alltag. Anders im Alter: Aufgrund abnehmender Sehschärfe und Reaktionszeit gelten betagte Autofahrer als Risikofaktor im Straßenverkehr. Staat und Gesellschaft ermuntern sie aktiv, das Auto stehen zu lassen und stattdessen auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall, sagt Prof. Desmond O’Neill MD, Trinity College Dublin, beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) in Halle (Saale). In seiner englischsprachigen Keynote-Lecture „Driving and older people: a major theme for gerontologists and geriatricians“ am zweiten Kongresstag, hinterfragt er gängige Ansichten und Testverfahren, mit denen die Fahrtüchtigkeit älterer Menschen untersucht wird.


Unterstützen statt entmutigen

„Personenbeförderung ist der unsichtbare Klebstoff, der unsere Leben zusammenhält, ein unterschätzter Faktor für wirtschaftliches, soziales und persönliches Wohlbefinden“,  sagt O’Neill. Gerade für ältere Menschen bedeute ein eigenes Auto Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Doch statt sicherzustellen, dass sie bis in ein hohes Alter mobil bleiben können, würden Staat und Medizin alles unternehmen, um sie zur Abgabe des Führerscheins zu ermuntern. Nach Ansicht des 56 Jahre alten Iren grenze dies an „institutionalisierte Altersdiskriminierung“.
„Ältere Autofahrer sind keine Risikogruppe“, sagt der Geriater und Schlaganfall-Spezialist mit Verweis auf Unfallstatistiken. „Sie gehören vielmehr zu den sichersten Verkehrsteilnehmern.“


Ältere bewerten Risikosituationen besser

O’Neill nennt einen einfachen Grund hierfür: Erfahrung! Während Jüngere sich oft auf ihr Fahrgeschick verlassen würden, hätten Ältere im Laufe der Jahre gelernt, Risikosituationen richtig einzuschätzen – und sie, wenn möglich, schon im Voraus zu vermeiden. „Wenn es draußen dunkel und eisig ist, verlegen Ältere die Fahrt halt auf den Folgetag, wenn die Bedingungen besser sind“, nennt er ein Beispiel. Oder auch: „Wenn ich hinter einem Laster fahre, muss ich dann unbedingt in einer Kurve überholen?“
Seine Erkenntnis lautet daher: „Das Alter bringt die Fähigkeit mit sich, sicher Auto zu fahren.“
O’Neill wirbt aber nicht nur dafür, ältere Menschen dabei zu unterstützen, möglichst lange mobil und aktiv zu bleiben. Er fordert auch, dass die Autoindustrie mehr Rücksicht nimmt auf ihre speziellen Bedürfnisse. So seien herkömmliche Airbags eine nicht unerhebliche Gefahrenquelle; die Geschwindigkeit und die Kraft, mit der sie sich entfalten, seien standardmäßig ausgelegt für jüngere, 70 Kilogramm schwere Männer. „Ältere Menschen sind aber viel zerbrechlicher“, mahnt O’Neill. „Es ist ein Paradox: Es gibt weniger Unfälle, aber mehr Tote.“

 

Zur Person:

Professor Desmond O’Neill MD lehrt seit 1993 als Geriater und Schlaganfall-Spezialist am Trinity College Dublin, wo er zuvor auch studierte. Er ist Mitbegründer und ehemaliger Präsident der European Union Geriatric Medicine Society (EuGMS). Zugleich sitzt er im Vorstand der International Association of Gerontology and Geriatrics, European Region (IAGG-ER).
Auf nationaler Ebene hat er sich ebenfalls verdient gemacht: Er ist Gründungsvorsitzender der Schlaganfallabteilung der Irish Heart Foundation, medizinischer Direktor der Alzheimer Society of Ireland und Vorsitzender der staatlichen Arbeitsgruppe gegen die Misshandlung alter Menschen. Zusätzlich ist er Principal Investigator (PI) der Irish National Audit of Stroke Care und Co-PI der Irish National Audit of Dementia Care. Darüber hinaus ist O’Neill Vorsitzender des National Centre for Arts and Health, das neue Ansätze verfolgt, Kunst und Kultur in die Therapieprogramme einzubeziehen.
Für seine Bemühungen um ältere Menschen wurde Desmond O’Neill im Jahr 2010 mit dem All-Ireland Inspirational Life Award ausgezeichnet.


Jahreskongress der DGG und DGGG in Halle (Saale)
24. bis 27. September 2014

Prof. Desmond O’Neill MD, Dublin
Keynote-Lecture: „Driving and older people: a major theme for gerontologists and geriatricians“
Donnerstag, 25.09., 10:00 Uhr

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