Historische Ampullen

(30.07.2014) Hoffmannstropfen sind – oder waren zumindest – in vielen Hausapotheken zu finden. Ein echter Klassiker! Friedrich Hoffmann entwickelte sie bereits im 17. Jahrhundert. Doch das war nur ein Teil seines Wirkens: Als erster Medizinprofessor der Friedrichs-Universität Halle beeinflusste er das Verständnis für den menschlichen Körper nachhaltig und machte die Saale-Stadt zu einer akademischen Top-Adresse. Bis heute finden sich seine Spuren in der Stadt, die in diesem Jahr Gastgeber des gemeinsamen Geriatrie-Kongresses ist.

„Unter den höheren und mittleren Ständen gibt es wohl selten eine Familie, welche diese Tropfen nicht im Hause vorrätig hielte“, hieß es 1843 in der Enzyklopädie für Volksmedizin über die Hoffmannstropfen. Das Gemisch aus drei Teilen Ethanol und einem Teil Diethylether sollte insbesondere bei Schwächezuständen und Ohnmachten helfen.
Erfunden wurde der Liquor anadynus mineralis im 17. Jahrhundert vom gebürtigen Hallenser Friedrich Hoffmann, der sich unter anderem mit seiner Lehre zum Tonus der Körperfasern hervortat. Aufgrund seiner Erkenntnisse verordnete er bei zu starker Spannung (Spasmus) beruhigende Mittel, bei zu schwacher Spannung (Atonie) stärkende Mixturen.

Zu der ersten Gruppe gehörten die Hoffmannstropfen. Die heutige Forschung konnte nachweisen, dass sie eine gefäßerweiterende und damit leicht blutdrucksenkende Wirkung haben.

Mode-Mittel für feine Damen
Unumstritten sind die Tropfen aber nicht. Im 19. Jahrhundert eilte ihnen ein Ruf als Mode-Medikament voraus. So mokierte sich die Enzyklopädie für Volksmedizin darüber, dass es viele „hysterische Frauenzimmer“ gebe, die bei „jedem, noch so unbedeutendem Gefühl von Verstimmung sogleich nach dem Liquor anadynus greifen“.
Nach Meinung des Autoren sei es empfehlenswerter, auf Abhärtung von Körper und Seele zu setzen – durch kaltes Wasser, „Enthaltsamkeit von Sinnesgenüssen“ oder auch mithilfe des Einflusses eines „charakterfesten“ Mannes.

Mediziner von Weltruhm
Friedrich Hoffmann war jedoch viel mehr als der ErfindeLeopoldina, Haller der gleichnamigen Tropfen. 1660 geboren in Halle, verlor er früh Eltern und Schwester durch ein Fieber. Von Verwandten aufgezogen, nahm er mit 18 Jahren das Medizinstudium in Jena und Erfurt auf und promovierte nach drei Jahren.
Fortan arbeitete er in den Niederlanden und Großbritannien, war Leibarzt von König Friedrich I. von Preußen. Auch international fand er Anerkennung: Er war Mitglied der Royal Society in London, der russischen Akademie der Wissenschaften sowie der Leopoldina.

Neuartiger Blick auf den menschlichen Körper
1693 wurde er zum ersten Professor für Medizin und Physik an der neugegründeten Friedrichs-Universität in Halle berufen. 48 Mal war er Dekan der medizinischen Fakultät, fünfmal der philosophischen Fakultät, zudem fünfmal Prorektor. Bis heute ist sein Wirken sichtbar: Er gründete die Universitätsbibliothek, entwarf die Statuten und das Siegel der medizinischen Fakultät, förderte die Ausbildung der Studenten direkt am Krankenbett.
Hoffmann machte die Medizinische Fakultät in Halle zu einer der führenden Ausbildungsstätten ihrer Zeit. Und er prägte die Entwicklung der Medizin durch seinen neuartigen Blick auf den menschlichen Organismus: Er verstand den Körper als hydraulische Maschine, die durch Flüssigkeitsströme angetrieben wird – mit zentraler Bedeutung des Blutkreislaufs.  

SHalle, Gottesackerpaziergang zum Grab der Medizin-Legende
In Halle finden sich bis heute Spuren von Friedrich Hoffmann. So gibt es in der Nähe des Bahnhofs die Prof.-Friedrich-Hoffmann-Straße, wo unter anderem die Klinik für Strahlentherapie und die Poliklinik für Nuklearmedizin beheimatet sind.
Einen Besuch wert ist besonders der Gottesacker am Ostrand der Altstadt, wo Hoffmann 1742 beigesetzt wurde. Die denkmalgeschützte Friedhofsanlage gilt als Meisterwerk der Renaissance und als eine der schönsten Deutschlands. Ab 1557 nach Vorbild italienischer Camposanto-Anlagen errichtet, wirkt sie von außen wie ein befestigtes Kastell. Im Innern erweist sich der Bau jedoch als Aneinanderreihung offener Grabnischen, versehen mit kunstvoll verzierten Rundbögen.
Hier liegen auch die Eltern des Barock-Komponisten Georg Friedrich Händel, Georg und Dorothea, sowie seine beiden Schwestern Dorothea Sophia und Johanna Christiana begraben. Die Touristen-Information Halle bietet regelmäßig Führungen an. Interessenten können sich hier registrieren.