Prof. Dr. Heppner(12.08.2013) Geriatrische Basics sowie Spezialitäten auf höchstem fachlichem Niveau – das wird der 25. Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) vom 12. bis 14. September 2013 in Hof bieten. „Neue Blickwinkel auf bekannte Themen wirken belebend auf den Arbeitsalltag und motivieren dazu, die eigenen Routinen zu überdenken“, verspricht Kongresspräsident Prof. Dr. med. Hans Jürgen Heppner, der im Vorfeld gerne einige Kongress-Highlights verrät.

Herr Professor Heppner, was sind wichtige und dringliche Themen beim Kongress?
Prof. Heppner: Da gibt es viele, zum Beispiel die Akutversorgung des alten Patienten. Wie sieht sie aus, wie stellt sie sich dar im Krankenhaus und im ambulanten Bereich und was ist, wenn Pflege benötigt wird? Sie sehen, es bleibt weder bei einem Thema noch bei einer einzelnen Fachdisziplin. Daher habe ich das Kongressmotto „Geriatrie in Partnerschaft“ gewählt.

„Geriatrie in Partnerschaft“ – können Sie das konkretisieren?
Prof. Heppner: Gerne! Partnerschaft ist zum Beispiel, wenn der Unfallchirurg zeitlich und strukturell eng verzahnt mit dem Geriater zusammenarbeitet. Ein möglicher Fall ist eine 70-jährige Patientin, die nach einem Sturz in die Notaufnahme eingeliefert wird und nun eine Hüft-OP benötigt. Auch wenn der Unfallchirurg sehr gute Ergebnisse erzielt, kann das Outcome noch weiter verbessert werden, wenn er mit einem Geriater zusammenarbeitet.

Woran liegt das? Was sind entscheidende Faktoren?
Prof. Heppner: Entscheidend ist, dass die jeweiligen Fachkompetenzen zusammengeführt werden. Ich bezeichne das gerne als Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Das beginnt bereits bei der (Not)-Aufnahme des Patienten. Hier ist der geriatrische Blick auf Komorbiditäten und Medikation ganz wichtig. Stellen Sie sich vor, der Unfallchirurg wählt anhand der Bildgebung und des noch nicht so hohen Alters der Patientin eine operative Hüftversorgung, die nach der OP zunächst nur teilbelastet werden darf. Der Geriater hat jedoch die Ergebnisse des Assessments vorliegen und rät zu einer anderen Vorgehensweise. Denn die Patientin ist kognitiv eingeschränkt, und kann die Anweisung „teilbelasten“ gar nicht befolgen. In diesem Fall ist es sinnvoller, eine belastungsstabile Behandlungsmethode einzusetzen. Auch eine gute Medikamentenanamnese und -einstellung kann das Outcome entscheidend verbessern. Insgesamt können die Liegezeiten so durchaus um drei bis vier Tage verkürzt werden.

Zu diesem Themenkomplex haben wir natürlich auch sehr spannende Veranstaltungen auf dem Kongress, wie das Symposium "Alterstraumatologie" (Samstag, 14. September, 12:30 bis 14:00 Uhr). Interessant ist beispielsweise aber auch das interaktive Diskussionsforum "Multimedikation im Alter" (Donnerstag, 12. September, 16:30 bis 18:00 Uhr), in dem verschiedene Fälle besprochen werden.

Jetzt sind wir schon mitten im Kongressprogramm. Beleuchten Sie doch bitte kurz die Eröffnungsveranstaltung (Donnerstag, 12. September, 15:30 bis 18:00 Uhr).
Prof. Heppner: Auch hier wird es spannend: Unser Präsident, Prof. Ralf-Joachim Schulz, wird einen Ausblick in die Zukunft der Geriatrie wagen. Die Vizepräsidentin der Bayrischen Landesärztekammer, Frau Dr. Heidemarie Lux, wird darlegen, dass die Geriatrie ein echtes Zukunftsfach ist und daher – auch was die Facharztausbildung und die Weiterbildung angeht – von den zuständigen Stellen entsprechend bewertet werden muss. Berufspolitik vom Feinsten – und das geht uns alle an.

Was sind besondere Höhepunkte in Hof?
Prof. Heppner: Wir haben insgesamt vier Keynote-Vorträge zu aktuellen Themen oder „Dauerbrennern“, die von international führenden Experten gehalten werden. Ein hochinteressantes, bisher wenig beachtetes Thema ist der Muskelschwund aus kardiologischer Perspektive, über den Dr. Dr. Stephan von Haehling, Charité Berlin, am Donnerstag, den 12. September von 18:00 bis 19:00 Uhr berichten wird. Bekannt ist, dass die körperliche Leistungsfähigkeit von Herzinsuffizienz-Patienten häufig eingeschränkt ist. Grund dafür ist die Herzschwäche, so die gängige Meinung. Dabei wird jedoch unterschätzt, dass sich die Skelettmuskulatur beim Herzinsuffizienzpatienten bereits sehr früh in „einer verzweifelten Lage“ befindet. Mit dem Resultat, dass fast 20 Prozent der Patienten die Kriterien einer Sarkopenie erfüllen und auch dadurch ihre Mobilität und Ausdauer stark eingeschränkt ist.

Und die weiteren Keynote-Themen?
Prof. Heppner: Mit Prof. Dr. Adrian Wagg, Edomonton, Kanada, konnten wir einen Inkontinenz-Experten gewinnen, der in seinem Vortrag am Samstag, den 14. September von 10:00 bis 10:45 Uhr auf die vielen Facetten des Themas eingehen wird. Dabei geht er davon aus, dass die Harninkontinenz besonders bei älteren Menschen mit Frailty nur Teil eines Syndroms ist, bei dem verschiedene Risikofaktoren komplex miteinander interagieren. Weitere – auch sehr wichtige – Keynote-Themen sind die geriatrische Onkologie und die Frühdiagnostik der Demenz.

Perspektivenwechsel – was fällt Ihnen zu diesem Stichwort mit Blick auf den Kongress ein?
Prof. Heppner: Ein Thema, bei dem der Wechsel der fachlichen Perspektive neue Erkenntnisse eröffnet, ist das Delir in der postoperativen Phase. Wir Geriater sehen das Problem, dass nur wenige Delirpatienten erkannt werden. Dies spielt auch aus anästhesiologischer Sicht eine ganz große Rolle, wie Dr. Lars Hüter, Bad Berka, beim Rolf-und-Hubertine-Schiffbauer-Symposium (Freitag, 13. September, 8:30 bis 10:00 Uhr) erläutern wird. Mit diesem Symposium wollen wir auch die Gelegenheit nutzen, die in Hof ansässige Rolf-und-Hubertine-Schiffbauer-Stiftung zu würdigen, die unsere Fachgesellschaft seit Jahren mit großzügigen Forschungsstipendien und -Preisen unterstützt.  

Was ist neu bei dem diesjährigen DGG-Kongress?
Prof. Heppner: Das Thema Stress und Aging (Samstag, 14. September, 9:00 bis 10:30 Uhr) hatten wir meines Wissens noch nie. Hier geht es vor allem um Stress im biologischen System sowie um gesundes Altern und Lebensqualität. Dann haben wir am Freitag, den 13. September von 8:30 bis 10:00 Uhr noch ein interessantes gesundheitsökonomisches Symposium im Programm. Zwei Vorträge beleuchten die potenziell inadäquate Medikation bei älteren Patienten und deren Folgen. Dies betrifft nicht nur die unerwünschte Dekompensation des Patienten, sondern auch die dadurch verursachten stationären Kosten. Das verspricht, sehr interessant zu werden. Auch Themen wie Rationierung im Gesundheitswesen und das neue leistungsbezogene Entgeltsystem kommen zur Sprache.

Gibt es stark kontrovers diskutierte Themen auf dem Kongress?
Prof. Heppner: Durchaus, wir hatten vor einiger Zeit eine Diskussion darüber, in welche Hände der geriatrische Schlaganfall-Patient gehört. Aber auch hier verweise ich auf unser Kongress-Motto „Geriatrie in Partnerschaft“. Wir wollen mit unseren Kollegen aus der Neurologie und Inneren Medizin auf Augenhöhe zusammen arbeiten und sind schon sehr gespannt auf das Symposium "Internistische Stroke-Units in der Geriatrie?" (Freitag, 13. September, 8:30 bis 9:45 Uhr) Prof. Dr. med. Martin Grond, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, wird hier einen State-of-the-Art-Vortrag zum Thema Schlaganfallversorgung halten.

Auch der Patienten-Blickwinkel steht auf dem Programm, speziell die Patientensicht auf den Beipackzettel.
Prof. Heppner: Ja, im Symposium "Patienteninformation und -engagement" (Samstag, 14. September, 12:30 bis 14:00 Uhr) geht es unter anderem darum, den Einfluss des Beipackzettels auf die Adhärenz des geriatrischen Patienten zu bestimmen. Allerdings haben hier Untersuchungen gezeigt, dass eher eine eingeschränkte Auffassungsgabe des Patienten die Adhärenz negativ beeinträchtigt als die im Beipackzettel geschilderten möglichen Nebenwirkungen.

Was empfehlen Sie, um eine möglichst gute Adhärenz der Patienten zu erreichen?
Prof. Heppner: Der Arzt muss seinem Patienten bzw. dessen Angehörigen die Anwendung und Wirkung des verordneten Medikaments unbedingt erklären. Ein Klassiker ist zum Beispiel das teure Pflaster gegen die Demenz, das der Oma nicht mehr geklebt wird, weil es ja die Demenz nicht bessert. Hier wurde nicht über die Wirkung – es verzögert das Fortschreiten der Demenz – informiert. Auch nicht selten ist, dass Oma das Pflaster direkt auf die Stirn geklebt bekommt, weil es ja dahinter wirken soll. Das spricht für sich.

Auch in diesem Sinne wollen wir in Hof über „Geriatrie in Partnerschaft“ sprechen. Dieses Kongressmotto betrifft alle Bereiche und geht uns alle an. Ich freue mich also auf lebhafte Diskussionen, interessante Arbeitsergebnisse und viele neue Anstöße für die Arbeit der Fachgesellschaft im kommenden Jahr.

Wir sehen uns in Hof!

 

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