PD Dr. Andreas Wiedemann

(15.06.2016) Die Arbeitsgruppe Inkontinenz der DGG hat in akkurater Detailarbeit Studien zusammengetragen, gesichtet und mit Blick auf die Anwendung auf geriatrische Patienten bewertet. In der aktualisierten Fassung hat hierdurch die Leitlinie Harninkontinenz deshalb kürzlich den S2e-Status der AWMF erhalten. Damit ist nun auch offiziell bestätigt, dass eine systematische Evidenz-Recherche stattgefunden hat.

Die Leitlinie schlägt eine Bresche durch den Studiendschungel. „Viele Studien-Autoren definieren „ältere Patienten“ allein durch das Alter 65+. Das greift aber zu kurz!“, erklärt der Leiter der Arbeitsgruppe, PD Dr. Andreas Wiedemann. „Wir haben daher alle Studien-Ergebnisse genau geprüft, ob sie für geriatrische Patienten überhaupt relevant sind.“ So sind beispielsweise operative High-End-Methoden wie die sakrale Neuromodulation für geriatrische Patienten nicht geeignet.

Besonders wichtig ist dagegen das Toilettentraining. Dies kann der Gang zur Toilette zu festen Zeitpunkten sein – aber auch die regelmäßige Frage, ob der Betroffene Harndrang verspürt. Selbst gebrechliche Patienten mit kognitiven oder körperlichen Einschränken sprechen auf diese Form des Verhaltenstrainings gut an – und die Methoden sind naturgemäß frei von Nebenwirkungen. Allerdings ist hier die kontinuierliche Unterstützung der Pflegenden, z. B. durch Angehörige, Partner oder Pflegepersonal gefragt.

Fokus auf Nebenwirkungen von Medikamenten

Ein weiterer Schwerpunkt der Leitlinie ist die Untersuchung von Nebenwirkungen breit eingesetzter Medikamente aus dem internistischen oder hausärztlichen Bereich. So können beispielsweise trizyklische Antidepressiva, Morphine oder Antihistaminika die Blase blockieren.

Aber auch klassische Inkontinenz-Medikamente dürfen bei geriatrischen Patienten nur mit Bedacht eingesetzt werden. Anticholinergika aus der Reihe der tertiären Amine, und hier besonders Oxybutynin, verändern beispielweise die Kognition und können zu einem erhöhten Sturzrisiko führen.

Kosten werden transparent gemacht

Eine Besonderheit der Leitlinie ist, dass sie auch die Kosten der unterschiedlichen Behandlungsmaßnahmen klar benennt. Dabei ist wichtig zu wissen: Die Kosten für die Erstellung der Leitlinie wurde von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe komplett selbst getragen – ein Sponsoring durch Medizin- oder Pharmaindustrie fand nicht statt.

Interdisziplinäre Arbeitsgruppe aus Geriatern und Urologen

An der Erarbeitung der Leitlinie waren sowohl Geriater als auch Urologen beteiligt – einige davon sind klinisch tätig, andere sind niedergelassen. „Durch die interdisziplinäre Arbeit wurde wirklich jeder Aspekt von unterschiedlichen Blickwinkeln aus beleuchtet“, betont AG-Leiter Wiedemann. „Allen Arbeitsgruppen-Mitgliedern gemeinsam war: Wir sind praktisch tätig und haben täglich mit inkontinenten Patienten zu tun. Ich bin daher sicher, dass die Leitlinie eine wertvolle Arbeitshilfe für alle Kolleginnen und Kollegen sein wird, die geriatrische Patienten behandeln.“


Hier können Sie die Leitlinie "Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten, Diagnostik und Therapie" herunterladen (Registernummer 084 – 001)

Weitere Mitstreiter sind der AG Inkontinenz sehr willkommen! Bitte wenden Sie sich bei Interesse an den Leiter:

PD Dr. med. Andreas Wiedemann
Evangelisches Krankenhaus Witten
awiedemann@diakonie-ruhr.de

Hier finden Sie weitere Informationen zur Arbeitsgruppe Inkontinenz