Memory, Fotograf: Werner Krüper, Quelle: St. Franziskus-Hospital Münster

(15.07.2016) Insgesamt 40 Prozent aller über 65-jährigen Patienten im Allgemeinkrankenhaus weisen kognitive Störungen auf, fast jeder Fünfte leidet an Demenz. Zu diesem Ergebnis kommt die weltweit erste repräsentative Studie zu Prävalenz und Versorgungssituation von Menschen mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus, die jetzt in Berlin vorgestellt wurde.

Demenz bei Einlieferung häufig nicht bekannt

Erstaunlich ist, dass die Diagnose bei gut zwei Drittel der Demenzkranken zum Zeitpunkt der stationären Aufnahme nicht bekannt ist. „Der bei der Studie eingesetzte kurze Screeningtest erkennt auch leichte dementielle Störungen zuverlässiger, als die üblicherweise von den Kliniken herangezogenen Verfahren", erklärt Dr. Horst Bickel von der TU München. Gemeinsam mit Prof. Dr. Martina Schäufele von der Hochschule Mannheim hat er das Projekt geleitet.
Die meisten Patienten befanden sich in einem leichten Krankheitsstadium, gefolgt von mittelschwerer und schwerer Demenz. Die Fachbereiche mit den höchsten Anteilen von Demenz-Patienten waren die Innere Medizin und die Unfallchirurgie.

Demenzpatienten stellen Krankenhauspersonal vor große Herausforderungen

Die Demenzkranken stellen besondere Anforderungen an das pflegerische und medizinische Personal. Zum einen kostet die Betreuung schlichtweg mehr Zeit. Aber auch die psychische Belastung für das Personal ist nicht zu unterschätzen.
Fast 80 % der untersuchten Patienten zeigten neben ihren kognitiven Beeinträchtigungen auch nicht-kognitive Symptome und herausforderndes Verhalten. Häufig waren es expansive Verhaltenssymptome wie nächtliche Unruhe, Umtriebigkeit und Aggressivität,die den Umgang mit den Patienten erschwerten. Als besonders belastend empfand das Personal psychotische Symptome der Patienten wie Halluzinationen und Wahnvorstellungen.

Speziell geschultes Personal und besondere Betreuungsangebote selten

Leider bilden auf den Stationen Pflegekräfte mit gerontopsychiatrischer oder altenpflegerischer Ausbildung oder andere spezielle Betreuungskräfte die Ausnahme. Auch Schulungen oder Weiterbildungen zum Thema Demenz sind selten.  

Dementsprechend gibt es wenig besondere Betreuungsangebote für Demenz-Patienten. In einzelnen Kliniken fanden die Studienautoren Maßnahmen vor wie Orientierungshilfen, am Bett angebrachte Seitenteile oder ein Entlassungs-Management.

Bewerbung für Förderprogramm „Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus“ ab sofort möglich

Die Studie führt vor Augen, dass es großes Verbesserungspotenzial in der Versorgung von Demenzpatienten gibt. Im Rahmen des Programms „Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus“ unterstützt die Robert Bosch Stiftung seit 2012 ausgewählte Krankenhäuser dabei, Konzepte zu entwickeln und einzuführen, die gezielt auf die Bedürfnisse von Demenzkranken eingehen.
Das Programm startet ab sofort in die dritte Förderrunde. Pro Krankenhaus werden bis zu 100.000 € gewährt. Interessenten können sich bis zum 15. August 2016 bei der Robert Bosch Stiftung online anmelden.

Repräsentative Erhebung der Daten

Die Studie basiert auf einer repräsentativen Untersuchung von zufällig ausgewählten über 65-jährigen Patienten in Allgemeinkrankenhäusern in Bayern und Baden-Württemberg. Da es bisher keine überzeugenden Anhaltspunkte für regional ungleich verteilte Risiken für Demenzen gibt, haben die Ergebnisse dennoch Aussagekraft für ganz Deutschland.

Insgesamt beteiligten sich 33 Kliniken. Ausgeschlossen waren Fachkliniken, Kliniken mit weniger als 150 Betten sowie geriatrische, psychiatrische und neurologische Stationen. Knapp 1500 Patienten mit einem Durchschnittsalter von 78,6 Jahren konnten im Erhebungszeitraum von 2013 bis 2015 untersucht werden.
Möglich wurde die Untersuchung dank der großzügigen Unterstützung der Robert Bosch Stiftung und der Deutschen Alzheimer Gesellschaft.

Wichtiger Hinweis: Dr. Bickel wird die Ergebnisse der Studie auch auf dem DGG/DGGG-Jahreskongress in Stuttgart vorstellen!
Mittwoch 07.09
13.30 Uhr bis 15.00
König-Karl-Halle

Hier finden Sie ausführliche Informationen zur „General Hospital Study (GHoSt) – Demenz im Allgemeinkrankenhaus: Prävalenz und Versorgungssituation“

Hier finden Sie den Flyer zur dritten Förderrunde „Demenz im Akutkrankenhaus“

 

Bildnachweis: Werner Krüper, Quelle: St. Franziskus-Hospital Münster