Dr. Gabriele Roehrig-Herzog

(25.08.2016) Gabriele Röhrig-Herzog gründet für die DGG die AG-Anämie. Obwohl Anämie im klinisch-geriatrischen Alltag häufig vorkommt, mangelt es aktuell noch an klaren Diagnostik- und Behandlungsempfehlungen. Die Ergebnisse der ersten deutschen multizentrischen Prävalenzstudie hinsichtlich Anämie bei stationär geriatrischen Patienten konnten zeigen, dass mindestens jeder zweite aufgenommene Patient eine Anämie hatte. Doch stellt schon die Festlegung des Grenzwertes, ab wann ein Patient als „anämisch“ gilt, bei älteren Patienten eine Herausforderung dar, denn die konventionellen Referenzwerte der WHO sind nicht problemlos auf ältere Menschen zu übertragen. Auch sind die Ursachen einer Anämie im höheren Lebensalter bisher nicht alle bekannt. Was die bisher durchgeführten Untersuchungen aber zeigen: Anämien treten oft im Zusammenhang mit chronischen Erkrankungen auf. Betroffene haben eine eingeschränkte Alltagskompetenz, ein höheres Risiko für schlechtere Krankheitsverläufe und eine höhere Mortalität. So lautet eine der ersten Forderungen der AG: Eine Anämie bei einem alten Menschen ist nicht „normal“ und sollte abgeklärt werden! Dafür gilt es Diagnostik- und Behandlungsstrategien zu entwickeln, dem multimorbiden geriatrischen Patienten entsprechend in einem interdisziplinären Team. Daher ist die AG Anämie auch multiprofessionell ausgerichtet und offen für alle Fachbereiche die mit der Betreuung älterer Anämiepatienten befasst sind, wie z.B. klinisch tätige und niedergelassene Ärzte, Pflegekräfte, Physiotherapeuten, Pathologen, Hämatologen oder Pharmazeuten.

Frau Dr. Röhrig-Herzog, wie ist der Stand der Dinge mit Blick auf die Anämie im Alter?
Dr. Röhrig-Herzog: Wir haben mit unserer Forschungsgruppe im Frühjahr dieses Jahres die Ergebnisse der ersten deutschen multizentrischen Anämieprävalenzstudie unter stationär geriatrischen Patienten publiziert. Teilgenommen haben 7 Zentren. Wir konnten zeigen, dass mindestens jeder 2. ältere Patient, der stationär in eine Geriatrie aufgenommen wurde, eine Anämie hatte. Das ist hinsichtlich der negativen Auswirkungen der Anämie auf Mortalität, Alltagskompetenz und Krankheitsverlauf eine erschreckend hohe Zahl! Das Problem ist, dass es bis heute keine festen Diagnostik- und Behandlungsempfehlungen gibt für die Anämie beim älteren Menschen, weil es an Referenzwerten für anämierelevante Laborwerte mangelt und auch die Ursachen der Anämie im Alter bis heute nicht alle bekannt sind. Eines ist nur klar: eine Anämie beim älteren Menschen ist NICHT normal! Es bedarf dringend der Entwicklung von Diagnostik- und Therapieempfehlungen für die Anämie im höheren Lebensalter um eine angemessene Versorgung älterer Anämiepatienten zu gewährleisten.

Deshalb gründen Sie jetzt die AG Anämie.
Dr. Röhrig-Herzog: Richtig! Durch meine Doppelbeschäftigung am Schwerpunkt für Klinische Altersforschung der Uniklinik Köln und der Klinik für Geriatrie am St. Marien Hospital, welche die größte bettenführende Geriatrie im Kölner Raum ist, besteht die Möglichkeit einer engen Verbindung von Wissenschaft und Klinik im Sinne einer translationalen Medizin. Darüber hinaus gibt es bereits enge wissenschaftliche Kooperationen mit dem Arbeitskreis Labor der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) und der AG Ernährung und Metabolismus der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG). Die Startbedingungen der jungen AG Anämie der DGG sind also günstig.

Gründungssitzung der AG ist am 9. September ...
Dr. Röhrig-Herzog: In diesem Jahr ist das Thema „Anämie im Alter“ auf dem Jahreskongress erstmalig mit gleich zwei größeren Veranstaltungen präsent: Auftakt bildet am 9. September um 8 Uhr früh ein sehr spannendes interdisziplinäres Symposium über Anämie im Alter mit renommierten Wissenschaftlern aus den Bereichen Neurogeriatrie, Nephrologie, Physiologie und Hämatopathologie. Es wird ein breiter, multiprofessioneller Einblick gegeben in den aktuellen Wissensstand über Multikausalität und klinische Relevanz von Anämie im Alter.
Unmittelbar im Anschluss an das Symposium findet das Gründungstreffen der AG Anämie um 9:30 Uhr statt, wozu alle Interessierten unabhängig von der fachlichen Ausrichtung herzlich eingeladen sind.

Was passiert auf der Auftaktveranstaltung?
Dr. Röhrig-Herzog: Es wird eine kurze Skizze geben zu Hintergrund und Sinn der Neugründung einer AG Anämie. Dann folgen einige Vorschläge zur Gestaltung, wobei allen Interessierten die Möglichkeit gegeben wird, sich mit Ideen einzubringen. Parallel wird eine Interessentenliste herumgegeben, auf der sich jeder, der Interesse an einer Mitarbeit in der AG hat, eintragen kann, um in den Verteiler aufgenommen zu werden.  Ziel der Auftaktveranstaltung ist es, den Grundstein zu legen und Kollegen und Fachkräfte zur weiteren Mitgestaltung der AG Anämie zu motivieren.  

Wie kann man sich die Zusammenarbeit der AG vorstellen?
Dr. Röhrig-Herzog: Die AG soll eine Plattform für eine interdisziplinäre, wissenschaftliche und klinische Zusammenarbeit sein. Neben dem klinisch-wissenschaftlichen Austausch der AG Mitglieder sind auch Fortbildungen mit externen Referenten geplant, die über anämierelevante Themen referieren werden. Die gemeinsame interdisziplinäre Entwicklung wissenschaftlicher Projekte ist dabei ebenso im Fokus wie die Beteiligung an Kooperationsprojekten und die Präsenz der AG auf den Jahreskongressen der Fachgesellschaft. Fernziel ist die Entwicklung einer Leitlinie für Diagnostik und Therapie der Anämie im höheren Lebensalter.

Wen wollen Sie ansprechen?
Dr. Röhrig-Herzog: Die Anämie ist ein multikausales Krankheitsbild und verlangt eine multiprofessionelle Herangehensweise. Dafür benötigt man – wie im geriatrischen Alltag üblich - ein interdisziplinäres Team aus niedergelassenen Kollegen und Klinikern, Pflegekräften, Therapeuten, Wissenschaftlern und Vertretern nicht-klinischer Fachbereiche wie Physiologie oder Pathologie. Das Wissen der einzelnen Professionen ist für eine multidimensionale Herangehensweise von großer Bedeutung und trägt ganz wesentlich zur Ausrichtung und Zielerreichung der AG Anämie bei.
Ich habe auch schon Anfragen aus dem pharmazeutischen Bereich erhalten, was für die AG hochinteressant ist. Ältere Menschen erhalten oft eine ganze Reihe unterschiedlicher Medikamente, die ihrerseits Einfluss nehmen können auf die Entwicklung einer Anämie. Daher ist pharmazeutische Expertise für uns von großem Interesse.

Wie könnte ich mich z.B. als Pflegekraft in einer Wohneinrichtung einbringen?
Dr. Röhrig-Herzog: Pflegekräfte im Krankenhaus oder in Senioreneinrichtungen haben ganz besondere Einblicke in Alltagsgewohnheiten älterer Menschen. Sie können z.B. Daten über Essgewohnheiten oder pflegerelevante Informationen sammeln. Das sind wichtige Aspekte wenn man wissen will, z.B. wie stark der Patient eingeschränkt ist. Über solche Informationen verfügt eine Pflegekraft viel besser, da sie gewöhnlich den Patienten genauer kennt und öfter sieht als der Hausarzt oder Stationsarzt. Therapeuten sind gewöhnlich sehr erfahren in der Durchführung von spezifischen, klinisch relevanten Testverfahren wie z.B. zu Gang- und Standfestigkeit oder Schluckstörungen. Diese Testverfahren bilden Bestandteile des multidimensionalen geriatrischen Assessment und sind eine Basissäule der Geriatrie. Laboruntersuchungen oder klinische Diagnostik erfolgt dann durch die Ärzte. So könnte man sich grob eine interdisziplinäre Kooperation vorstellen. Wenn das in mehreren Zentren abgestimmt erfolgen würde, hätte man ideale Voraussetzungen für multizentrische Studien. In der AG würde gemeinsam festgelegt werden, welche Daten mit welchem Ziel zu erheben sind bevor sie dann später im Namen aller ausgewertet und publiziert werden.

Wie stark muss ich mich einbringen?
Dr. Röhrig-Herzog: Wer Mitglied wird, sollte nicht nur alle zwei Jahre zu den AG Treffen auftauchen. Unser Ziel ist nicht, möglichst hohe Mitgliederzahlen zu erreichen, sondern effektiv zu arbeiten. Jeder, der Lust und Interesse hat sich mit den eigenen Kenntnissen und Möglichkeiten einzubringen, ist herzlich willkommen. Es ist auch klar, dass ein solches Engagement auf freiwilliger Basis neben allen anderen Alltagsverpflichtungen erfolgt. Aufgaben werden entsprechend auch freiwillig übernommen und aufgeteilt. Einen Text gegenzulesen oder ein paar Zahlen heraus zu suchen, lässt sich gewöhnlich auch im Alltag bewerkstelligen. Zudem werden viele der Daten, die uns interessieren, ohnehin gesammelt. Es geht darum, Potential zu nutzen, das vorhanden ist. Wenn man zum Beispiel etwas wissen will über den Fleischkonsum einzelner Patienten im Seniorenheim, können diese Informationen nebenher erfasst werden: Frau Müller isst vielleicht jeden Tag ein Stück Fleisch, und Herr Meier ist Vegetarier oder isst, seit er eine Schluckstörung hat, gar kein Fleisch mehr. Diese Informationen gibt es jeden Tag, man muss sie nur erfassen und nutzen. Es geht nicht darum engagierte Mitglieder zu überfordern, sondern zielführendes Engagement für die AG zu fördern und entsprechend zu würdigen.

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