Vortrag Rupert Puellen

(19.10.2016) Der demografische Wandel sorgt weltweit für Veränderungen und stellt Mediziner vor besondere Herausforderungen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat dazu den „Report on Aging and Health“ vorgelegt, der die Probleme beim Namen nennt. Doch welche Konsequenzen könne Geriater daraus genau ziehen? DGG-Past-President PD Dr. Rupert Püllen hat im Rahmen des Stuttgarter Geriatrie-Kongresses wesentliche Erkenntnisse des Reports vorgestellt und beschrieben, was das für die Geriater in Zukunft bedeutet.

Klar ist, dass die Welt in unterschiedlichen Geschwindigkeiten altert. In westeuropäischen Ländern wie Frankreich hat es 150 Jahre gedauert, bis sich der Anteil der über 60-Jährigen von zehn auf 20 Prozent an der Gesamtbevölkerung erhöht hat. Länder wie Indien, Brasilien oder China haben dazu weniger als 25 Jahre benötigt. „Bei allen Klagen sind wir ziemlich privilegiert, wir haben mehr Zeit und deutlich mehr Ressourcen, um uns mit dem Wandel zu beschäftigen“, sagt Püllen.

Alte Menschen leisten wertvolle Beiträge für die Gesellschaft

Ein weiteres Untersuchungsergebnis der WHO ist, dass alte Menschen wertvolle Beiträge für die Gesellschaft leisten. Zum Beispiel Künstler oder Politiker, die oft bis ins hohe Lebensalter aktiv sind. Oder Menschen, die im Alter neue Aufgaben übernehmen und viel bewegen. „Diese Einschätzung ist in meinen Augen ganz wichtig, auch unter den ökonomischen Aspekten unserer Zeit“, so Püllen. Dazu zeigte bereits 2010 eine britische Studi, dass der finanzielle Beitrag, den die Älteren im Vereinigten Königreich durch Steuern, Konsumausgaben und Freiwilligendienste der Allgemeinheit leisten, die Kosten für Pflege, Krankheit und Renten um jährlich etwa 40 Milliarden Pfund übersteigt. Dieses finanzielle Plus für die Gesellschaft könne bis 2030 auf 77 Milliarden Pfund steigen. „Und damit sich das auch bei uns so entwickelt, ist die Gesundheit alter Menschen eine wesentliche Voraussetzung“, erklärt Püllen, Chefarzt am AGAPLESION Markus-Krankenhaus in Frankfurt am Main.

Funktionelle Fähigkeit stehen im Zentrum, nicht Krankheiten

Aber was bedeutet nun Gesundheit im Alter genau? Die WHO definiert es so: „Gesundes Altern ist der Prozess, die funktionelle Fähigkeit zu entwickeln und zu erhalten, um Wohlbefinden im höheren Lebensalter zu ermöglichen.” Der Begriff der Krankheit taucht dabei gar nicht auf. „Die WHO zeigt ganz klar auf, dass krankheitsbasierte Konzepte nicht weiter helfen”, erläutert der DGG Past-President. Und hier kommt die Arbeit der Geriater ins Spiel. „Für das Überleben der älteren Menschen und für weitere Parameter sind Funktions-Assessments wesentlich bessere Prädikatoren als Krankheiten oder das Ausmaß von Komorbiditäten!”

Manche 80-Jährige können mit 20-Jährigen mithalten

Die Basis der funktionellen Fähigkeiten liegt dabei in drei wichtigen Punkten:
•    Einmal in der intrinsischen Kapazität der Menschen, also der körperlichen Gesundheit und Leistungsfähigkeit.
•    Dann spielt die Umgebung und Umwelt eine ganz wichtige Rolle.
•    Und schlussendlich kommt es auf das Zusammenspiel dieser Faktoren an.

Der WHO-Report hat festgestellt, dass die intrinsische Leistungsfähigkeit schleichend abnimmt und es keinen Punkt gibt, an dem die Leistungsabnahme plötzlich einsetzt. Gleichzeitig wurden bei älteren Menschen große Unterschiede im Verlauf dieses Prozesses gemessen. So hat eine australische Studie nachgewiesen, dass die körperliche und geistige Kapazität mancher 80-Jährigen auf dem Niveau von 20-Jährigen liegt. „Und das wird nicht nur auf Australien zutreffen”, ergänzt Püllen. Wichtige Einflussfaktoren auf die intrinsische Leistungsfähigkeit sind aber auch nichtmedizinische Faktoren wie das individuelle Einkommen und der Bildungsstand. „Ohne Bildung keine Gesundheit. Und wer schon in jungen Jahren fit und robust war, wird dies mit höherer Wahrscheinlichkeit auch im Alter sein.”

Die Probleme der Älteren werden noch immer nicht berücksichtigt

Nun stoßen diese Erkenntnisse auf einige Probleme. Multimorbide, alte Patienten mit gefährdeter Alltagsfunktion treffen auf ein Gesundheitswesen, das auf akute Erkrankungen reagiert, das funktionale Aspekte kaum berücksichtigt und das medizinische Dienste nicht integriert anbietet. „Das Gesundheitssystem berücksichtig dabei kaum die Bedürfnisse der älteren Patienten, hilft kaum bei den wirklichen Problemen – und das bei wachsenden Kosten”, analysiert Past-President Püllen.

Der WHO-Report bringt dazu ein Beispiel aus einem Krankenhaus in Frankreich. Dort konnten etwa 20 Prozent der über 70-jährigen Patienten nach der Krankenhausentlassung weniger Aktivitäten des täglichen Lebens ausüben als bei der Aufnahme. „Dies hätte durch gezielte Aktivitäten verhindert werden können!”, prangert Püllen an. „Viele Ärzte achten eher auf den gut eingestellten Blutdruck und übersehen dabei, dass der Patient an Alltagsfähigkeiten eingebüßt hat. Doch genau darum geht es!”  

Zentrale Forderungen: Die WHO fordert einen klaren Systemwechsel

So könne es laut WHO nicht weiter gehen. Die Gesundheitsorganisation erklärt, dass auch die Ausweitung aktueller Aktivitäten oder deren Verbesserung keine Optionen sind. „Die WHO fordert einen klaren Systemwechsel. Sie fordert neue Konzepte im Hinblick auf die funktionellen Fähigkeiten älterer Menschen. Aber sie fordert auch Assessments und den genauen Blick auf geriatrische Syndrome”, so Püllen.

Die weltweiten Gesundheitssysteme müssen sich der alternden Bevölkerung anpassen, es werden neue Konzepte zur Langzeitpflege benötigt, eine alternsfreundliche Umgebung ist undabdingbar und es muss mehr in die Forschung investiert werden – so die zentralen Forderungen der Weltgesundheitsorganisation. „In meinen Augen ist die Geriatrie der Gegenpol vieler medizinischer Fächer, weil wir für einen Systemwechsel stehen. Wir Geriater sind auf dem richtigen Weg und wir haben nun eine klare Mission vor Augen. Die WHO zählt auf uns!”, beendete PD Dr. Rupert Püllen seinen Vortrag.