Prof. Dr. Micha Brumlik, Frankfurt am Main

(15.07.2014) Die Deutschen werden immer älter. Schon jetzt beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung 77,7 Jahre für Männer und 82,7 Jahre für Frauen. Doch nicht jeder bleibt gesund und aktiv bis ins hohe Alter. So ist die Zahl der Pflegefälle im vergangenen Jahrzehnt von 2,0 auf 2,5 Millionen gestiegen – und wirft die Frage auf: Wer soll die Pflege übernehmen? Verwandte oder Institutionen? Über das sich daraus ergebende moralische Dilemma spricht Prof. Dr. Micha Brumlik, Frankfurt am Main, beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) in Halle an der Saale im September. In seiner Keynote-Lecture „Dankespflicht!? Scham und Schuld bei der Pflege der Eltern“ lädt er zum philosophischen Diskurs über das Altern ein.

Moralische Konflikte in der Familie

„Das Thema Pflege wird oft als rein gesundheitsökonomische Frage behandelt“, bemängelt Micha Brumlik, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Dabei werde vernachlässigt, was in Familien geschieht, wenn die Eltern im Alter zum Pflegefall werden und entschieden werden muss, ob die Aufgabe selbst übernommen oder an ein Pflegeheim delegiert werden soll. „Diese moralischen Konflikte muss man sich klar machen.“

Wie Brumlik ausführt, war die Haltung zu den Eltern in antiken, aber auch frühmodernen Gesellschaften klar durch Normen definiert. „Du sollst Vater und Mutter ehren“, heißt es schon in der Bibel. Auch Immanuel Kant, der Philosoph der Aufklärung, sprach in seiner 1785 erschienen „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ von einer „Dankespflicht“, die nur die Pflege durch die Familie als moralisch vertretbar sah.

Verhältnis zu den Eltern hinterfragen

„Moralischen Imperativen dieser Art steht jedoch die psychoanalytische Einsicht entgegen, dass alternde, kranke und hinfällige Eltern das eigene Selbstverständnis in mehrfacher Hinsicht bedrohen“, sagt Brumlik. Besonders unter drei Aspekten: „Im Anblick einer Hinfälligkeit, die auch die eigene Zukunft vorzeichnet. In der Angst, Menschen, die man liebt, zu verlieren. Aber auch in der Wut über all das, was man von diesen Menschen eventuell einmal erwartet hatte, aber nie bekam.“

Wie dieser Konflikt zu lösen ist, darauf gibt es nach Brumliks Ansicht keine allgemeingültige Antwort. „Ich denke, dass es grundsätzlich eine Dankespflicht gibt“, sagt der 66-Jährige. „Es ist jedoch die Frage, unter welchen Bedingungen man sich hiervon distanzieren kann. Daher sollte man sich klar werden, wo man selbst steht. Wie groß der externe Druck ist, wie das Verhältnis zu den Eltern ist. Daraus ergibt sich, ob man ein gutes oder schlechtes Gewissen hat.“ Denn es gebe ja auch Abstufungen, wie Hilfe wahrgenommen werden kann, indem zum Beispiel eine Pflegekraft ins Haus kommt. „Das ist dann genauso, als ob man sein Kind in den Kindergarten gibt. Da muss niemand ein schlechtes Gewissen haben.“

Zur Person:
Prof. Dr. Micha Brumlik studierte Pädagogik und Philosophie in Jerusalem und Frankfurt am Main. Von 1981 bis 2000 lehrte er Erziehungswissenschaft an der Universität Heidelberg, anschließend wechselte er an das Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Zusätzlich leitete er als Direktor von 2000 bis 2005 das Frankfurter Fritz Bauer Institut, ein Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocausts.


Jahreskongress der DGG und DGGG in Halle (Saale)
24. bis 27. September 2014

Prof. Dr. Micha Brumlik, Frankfurt am Main
Keynote-Lecture: „Dankespflicht!? Scham und Schuld bei der Pflege der Eltern“: 25.09.14, 14:30 bis 15:15 Uhr, Audimax der Universität Halle HS XXIII

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