Professor Antonio Cherubini

(30.08.2017) Bluthochdruck ist ein ständiges Thema, für das eine moderne Problemlösung gesucht wird. Auch sind viele Hypertonie-Richtlinien nicht präzise genug. „Hier werden Patienten zwischen 65 und 80 Jahren auf gleiche Weise betrachtet wie solche im Alter über 80 Jahren, obwohl letztere häufiger auch unter anderen Erkrankungen leiden und gebrechlicher sind“, kritisiert Professor Antonio Cherubini, Chefarzt des Geriatric Hospital IRCCS-INRCA in Ancona und Professor für Gerontologie und Geriatrie an der Universität von Perugia. Beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) in Frankfurt am Main präsentiert der renommierte Geriater aus Italien mögliche Lösungen dafür, wie Geriater differenzierter vorgehen können. Seine Keynote-Lecture „Diagnostic and therapeutic strategies for hypertension in geriatric patients“ wird mit Spannung erwartet. Ein erster Einblick:

Die differenzierte Betrachtung fängt schon bei der Diagnostik an. „Bei geriatrischen Patienten sollten Standardmethoden zur Messung des Blutdrucks durch eine globale, also umfassende Bewertung ergänzt werden, die eine Einschätzung der individuellen Gebrechlichkeit, d. h. der Frailty, einschließt“, fordert Professor Cherubini. Liegt eine Frailty vor, sollte eine umfassende geriatrische Bewertung durchgeführt werden, ein sogenanntes „Comprehensive geriatric assessment“ (CGA). Um einen individuell geschneiderten Behandlungsplan zu entwickeln, werden neben medizinischen und psychologischen Faktoren des Patienten auch sein soziales Umfeld und seine funktionellen Fähigkeiten beurteilt.

Hypertonie-Therapie muss maßgeschneidert sein

Hypertonie-Patienten, die mindestens 80 Jahre alt und nachgewiesen gesund sowie funktionell ohne Beschränkungen sind, könnten nach aktuellen Empfehlungen auf identische Weise behandelt werden wie Patienten zwischen 65 und 80 Jahren. Die Therapie für ältere Patienten mit Bluthochdruck, bei denen eine Frailty festgestellt wird, müsse dagegen anders aussehen: „Weil es nicht genügend Beweise für die Vorteile der Bluthochdruckbehandlung für Achtzigjährige mit Frailty (Gebrechlichkeit) gibt, sollte die Therapie in dieser Kategorie von Patienten mit einem maßgeschneiderten Ansatz individualisiert werden”, empfiehlt Cherubini. „Basis dafür ist das zuvor durchgeführte CGA, bei dem auch das höhere Risiko für medikamenteninduzierte Nebenwirkungen bei diesen Patienten berücksichtigt wird.”

Wünschenswert: eine stärkere internationale Zusammenarbeit in der Altersmedizin!

Professor Cherubini glaubt zudem, dass italienische und deutsche Geriater noch viel voneinander lernen können. „Insbesondere wäre es ratsam, dass sie trotz der Unterschiede in den jeweiligen Gesundheitssystemen die besten Praktiken bei der Betreuung älterer Patienten teilen.” Seiner Meinung nach sollten sie ihre Zusammenarbeit stärken, um auf gesamteuropäischer Ebene ein größeres Bewusstsein dafür zu schaffen, wie wichtig es ist, das Gesundheitssystem an die Bedürfnisse der rasch anwachsenden alternden Bevölkerung anzupassen.

Zur Person:

Professor Dr. med. Antonio Cherubini ist Chefarzt des Geriatric Hospital IRCCS-INRCA in Ancona sowie Professor für Gerontologie und Geriatrie an der Universität von Perugia. Er gilt als einer der renommiertesten Geriater Italiens. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem: die Rolle von Antioxidantien und Mikronährstoffen im Alter, Depression im Alter, Schlaganfall bei älteren Menschen, Pharmakotherapie bei älteren Menschen. Professor Cherubini hat verschiedene Funktionen in nationalen und internationalen Fachgesellschaften und ist Autor einer Vielzahl wissenschaftlicher Beiträge.

Antonio Cherubini, Geriatric Hospital IRCCS-INRCA Ancona und Universität Perugia
Keynote-Lecture: „Diagnostic and therapeutic strategies for hypertension in geriatric patients” 
DGG-Jahreskongress
Campus Westend - Hörsaal 2
Freitag, 29. September 2017, 14.30 - 15.15 Uhr
Frankfurt am Main