Geriatrie? Was ist das? Altersmedizin

Geriatrie ist die medizinische Spezialdisziplin, die sich mit den körperlichen, geistigen, funktionalen und sozialen Aspekten in der Versorgung von akuten und chronischen Krankheiten, der Rehabilitation und Prävention alter Patientinnen und Patienten sowie deren spezieller Situation am Lebensende befasst.

Diese Patientengruppe weist einen hohen Grad an Gebrechlichkeit und Multimorbidität auf und erfordert einen ganzheitlichen Ansatz. Im Alter können sich Krankheiten mit einem veränderten Erscheinungsbild präsentieren und sind daher häufig schwer zu diagnostizieren. Therapieerfolge treten verzögert ein. In der Regel besteht zusätzlich ein Bedarf an sozialer Unterstützung. Geriatrie umfasst daher nicht nur organorientierte Medizin, sondern bietet zusätzlich Behandlung im interdisziplinären Team, welche den funktionellen Status und die Lebensqualität des älteren Patienten verbessert und seine Autonomie fördert.

Geriatrische Medizin behandelt die speziellen Erkrankungen alter Patientinnen und Patienten, diehäufig älter als 65 Jahre und multimorbide sind. Die Mehrzahl der Patienten, die von Geriatrischer Medizin profitiert, gehört der Altersgruppe der über 80-Jährigen an.

 

Was genau ist ein Geriater? Und vor welchen Aufgaben steht die Altersmedizin hierzulande?

Der Geriater ist der Spezialist für die Behandlung sehr alter Menschen. Kinder gehen zum Kinderarzt – ganz klar! Ihr Organismus funktioniert anders als der von Erwachsenen. Und alte Menschen? Die sollten im besten Falle zum Altersmediziner, also zum Geriater. Der kennt sich aus. Denn auch der Organismus eines 90-Jährigen funktioniert anders, als der eines 30-Jährigen.
Vor allem: Der typische Geriater wird immer mehr zum Netzwerker zwischen den Disziplinen. Denn je nach Leiden oder Symptom, wird der alte Patient in unterschiedlichen medizinischen Bereichen behandelt, von vielen Ärzten und Therapeuten, die im Zweifelsfalle nichts voneinander wissen und sich nicht austauschen. Eigentlich ist in jedem Fall aber das Wissen der Altersmediziner vonnöten, um hochbetagten Patienten eine ausgezeichnete Versorgung zu gewährleisten. Gerade deshalb werden Geriater in der Medizin der Zukunft eine strategisch wichtige Rolle spielen. Bei ihnen laufen alle Fäden zusammen.

Die Zukunft der Medizin steht deshalb vor großen Herausforderungen. Da wäre die wachsende Komplexität von diagnostischen und therapeutischen Prozessen, die Zunahme dementieller Syndrome, die Verknappung von Ressourcen. Aber auch die familiäre Unterstützung wird weniger. Vor genau diesem Kontext sucht die Medizin des Alterns für ältere Menschen individuelle Lösungen.

 

Zentrale Aufgaben in der Geriatrie

Geriatrie ist ein sehr lebendiges und vielfältiges, dynamisches Gebiet. Zu den zentralen Aufgaben der Geriatrie gehört auch die empfindsame und umsichtige Begleitung vor dem Sterben. Spezielle Merkmale der Geriatrie beinhalten folgende Punkte:

  1. In der Geriatrie begegnet man Fragestellungen aus nahezu allen medizinischen Gebieten. Eine wichtige Rolle spielt dabei die sinnvolle Zusammenarbeit mit den Organspezialisten.
  2. In der Geriatrie müssen besondere integrative Sicht- und Verhaltensweisen entwickelt werden, etwa im Hinblick auf körperliche und psychische Multimorbidität sowie hinsichtlich psychosomatischer Zusammenhänge. Gute emotionale Führung und Anregung der alten Patientinnen und Patienten stellt die Grundlage nahezu jedes erfolgreichen Heilungsprozesses dar.
  3. In der Geriatrie tätig zu sein, bedeutet mehr als in den meisten übrigen Medizingebieten, Angehörige anderer helfender Berufe kennenzulernen. Hohe kommunikative Kompetenz ist dabei unerlässlich.
  4. In der Geriatrie stellen sich – angestoßen durch die zentralen Themen Alter und Lebensende – besondere ethische, philosophische, psychologische, religiöse und sozialwissenschaftliche Fragen.



Die Definition „Was ist Geriatrie“ ist der erste Teil der Übersetzung einer gemeinsamen Erklärung der EUGMS, der Vereinigung Geriatrisch-Medizinischer Gesellschaften der Europäischen Union, entstanden auf der EUGMS Tagung in Malta 2007. Sie ist von Vertretern dieser Fachgesellschaften erarbeitet und als konsentierte Definition verabschiedet worden. Die vollständige deutsche Übersetzung ist in der Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 2009, Volume 42, Number 5, Seiten 412-415 erschienen.

 

Wer ist ein geriatrischer Patient?

Geriatrische Patienten sind definiert durch

  1. geriatrietypische Multimorbidität
  2. höheres Lebensalter (meist über 70 Jahre)
    (die geriatrietypische Multimorbidität ist hierbei vorrangig vor dem kalendarischen Alter zu sehen)

oder

  1. Alter über 80 Jahre, wegen der alterstypisch erhöhten Vulnerabilität, z. B. wegen des Auftretens von Komplikationen und Folgeerkrankungen
  2. der Gefahr der Chronifizierung
  3. des erhöhten Risikos eines Verlustes der Autonomie mit Verschlechterung des Selbsthilfestatus.

 

 

Broschüre: Was ist Geriatrie – Definition der inhaltlichen Bestimmung geriatrischer Tätigkeit


Was ist Geriatrie?Eine umfassende Definition der inhaltlichen Bestimmung geriatrischer Tätigkeit finden Sie in der Broschüre der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie »Was ist Geriatrie«, mit insgesamt 17 Dimensionen, die wiederum 3 verschiedenen Aspekten zugeordnet sind:
   1. spezielle und eigene Wissensinhalte
   2. charakteristische Formen der Wahrnehmung und des Verstehens
   3. Erleben der Arbeit.

Die Broschüre „Was ist Geriatrie“ ist von der Expertenkommission J. Bruder, C. Lucke, A. Schramm, H.P. Tews und H. Werner nach mehreren Diskussionsrunden 1991 in Rügheim veröffentlicht worden. Anlass gab die damals weniger medizinisch als breit sozialpolitisch geführte  Demographie-Diskussion.

 

 

Übersichts-Artikel: Altersmedizin und Geriatrisches Assessment (Dr. Henning Freund)


Was ist Geriatrie?Angesichts der älter werdenden Bevölkerung gewinnt das Geriatrische Assessment immer mehr an Bedeutung – auch um frühzeitig eine Behandlung durch den Facharzt einleiten zu können.

Um den Ansprüchen einer guten medizinischen Versorgung einer immer älter werdenden Gesellschaft gerecht zu werden, wurde in drei Bundesländern der Facharzt für Innere Medizin und Geriatrie eingeführt. Laut Definition der Fachgesellschaften führt die Geriatrie akutmedizinische, frührehabilitationsmedizinische und rehabilitationsmedizinische Behandlungen durch. Sie geht deshalb zumeist über die reine Organmedizin hinaus und erbringt zusätzliche Leistungen – vor allem im Bereich der multidisziplinären, ICF- und ICDorientierten Diagnostik und funktionellen Therapie sowie im Bereich der Prävention und der Palliation.

Die geriatrischen I‘s

Die Einschränkungen geriatrischer Patienten sind somatischer, kognitiver oder auch affektiver Art – bedingt durch altersphysiologische Veränderungen und gegebenenfalls schon manifeste oder zumindest latente Schädigung (beispielsweise durch Medikamentennebenwirkungen) von Körperstrukturen oder Funktionen. Die Patienten sind pflegefallgefährdet, häufig treten die geriatrischen „I‘s“ auf: Immobilität, Irritabilität, Instabilität und Inkontinenz sowie auch Isolation, Immundefekte und Impotenz. In letzter Zeit wird häufig ein weiters geriatrisches „I“ für iatrogene Schädigung hinzugefügt. Nicht selten kommt es auch zum Delir. Die Patienten weisen darüber hinaus eine erhöhte Vulnerabilität infolge physiologischer Altersveränderungen auf. Hervorzuheben sind Organ übergreifende Wechselwirkungen sowie Defizite in mehreren Funktionsbereichen:
a) auf Organebene,
b) auf personaler oder
c) auf sozialer Ebene
Dazu kommen eine verringerte Anpassungsfähigkeit sowie begrenzte Kompensationsfähigkeit... (vollständigen Artikel herunterladen)

Quelle: ÄP NeurologiePsychiatrie 1_2013. Mit freundlicher Genehmigung durch den Verlag.