Fahrtauglichkeit im Alter(29. August 2014) Jeden Tag gegen zwölf Uhr mittags setzt Maria Herweg ihren alten BMW rückwärts aus der Garage – schön vorsichtig versteht sich. Günther Herweg nimmt dann auf dem Beifahrersitz Platz und das Ehepaar fährt gemeinsam zum Essen. Jeden Tag? „Am Wochenende nicht, da bleiben wir zu Hause. Am Wochenende sind die ganzen Alten unterwegs“, sagt Herweg und grinst dabei. Ist das arrogant? Diskriminierend? Nein, das ist ironisch: Maria Herweg ist nämlich selbst nicht weniger als 79 Jahre alt.
79 Jahre – ist das nicht zu alt für regelmäßiges Autofahren? Sollte die rüstige Rentnerin ihren Führerschein nicht lieber abgeben und mittags auf den Bus oder den Pizza-Service umsteigen? Hochbetagte können nicht mehr jede Situation im Straßenverkehr lösen und stellen ein erhebliches Risiko dar, lautet die landläufige Meinung. Und viele Senioren geben freiwillig ihren Führerschein ab. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, wie jetzt Altersmediziner herausgefunden haben: Das Alter bringt die Fähigkeit mit sich, sicher Auto zu fahren.

Autofahrer bis 75 Jahre sind keine Risikogruppe. Im Gegenteil.

Der Blick in die deutsche Verkehrs-Unfallstatistik zeigt: Senioren bis 75 Jahre sind keine Risikogruppe. Im Gegenteil. „Die älteren Fahrer haben viel Erfahrung. Sie können Gefahrensituationen richtig einschätzen und sie sind auch keine Raser“, erläutert Sven Rademacher vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat in Bonn. Außerdem seien sie vorausschauend. „Bei Schneetreiben oder Nebel lassen sie das Auto auch einmal stehen. Sie wissen: Sicherheit geht vor.“
So sieht es auch Prof. Dr. Desmond O’Neill vom Trinity College in Dublin. Auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) in Halle an der Saale berichtet er über seine Untersuchungen zur Fahrtauglichkeit Älterer. Sein Fazit: „Das Alter bringt die Fähigkeit mit sich, sicher Auto zu fahren.“ Der irische Professor betont, wie wichtig die Mobilität für viele Ältere ist, ermögliche sie ihnen doch, am sozialen Leben teilzuhaben.

Aber was ist mit den Fahrern über 75 Jahre? Für sie zeigt die Statistik steigende Unfallzahlen. Diese Gruppe ist nicht klein: Laut dem DVR besitzen fast zwei Millionen Deutsche zwischen 75 und 84 Jahren ein Auto. „Trotzdem ist das Alter an sich kein Risikofaktor. Sicherheit im Straßenverkehr ist keine Frage des Lebensalters sondern der Gesundheit“, erläutert Rademacher vom DVR. Gesundheitliche Einschränkungen kämen bei dem einen früher, beim anderen erst sehr viel später. Seine Empfehlung: Autofahrer sollten frühzeitig beginnen, ihren Gesundheitszustand regelmäßig überprüfen zu lassen. Ärzte und Verkehrsexperten empfehlen diese Untersuchungen schon ab 40 Jahren.


Regelmäßiger Gesundheitscheck für Autofahrer ist wichtig.

Auch die ehemaligen Skirennläufer Rosi Mittermaier und Christian Neureuther machen sich für sichere Mobilität stark: Im Rahmen der „Aktion Schulterblick“ des DVR setzen sie sich dafür ein, dass sich Verkehrsteilnehmer regelmäßig einem freiwilligen Gesundheitscheck unterziehen. Hierbei überprüfen Ärzte die Fahrfitness der Interessierten. „Mit dem Autofahren ist es wie im Sport: Wenn man älter wird, ist man oftmals nicht mehr so gut in Form wie in jungen Jahren“, sagt Rosi Mittermaier. „So manchen plagen erste Zipperlein. Ein ärztlicher Gesundheitscheck zeigt die eigenen Grenzen auf und hilft, Gefahren realistisch einzuschätzen. Dadurch kann etwa deutlich werden, dass die Brillenstärke mal wieder angepasst werden muss, oder ein Hörgerät beim Fahren einen großen Sicherheitsgewinn bringen würde“, so die ehemalige Profisportlerin.

„Gesundheitschecks sind ein wichtiger Beitrag zur Sicherheit im Straßenverkehr“, weiß auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG), Prof. Dr. Ralf-Joachim Schulz aus Köln. Überprüft werden sollten neben der Sehkraft das Gehör, die Beweglichkeit, die Aufmerksamkeit und die Reaktionsgeschwindigkeit des Fahrzeugführers sowie die Funktion von Herz, Leber und Nervensystem, weiß der Experte für Altersmedizin.


Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über Ihre Fahrtüchtigkeit!

Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage, die der DVR in Auftrag gegeben hat, wären zwei Drittel der Auto fahrenden Senioren bereit, das Fahrzeug stehen zu lassen, sofern ihr Arzt dazu rät. Doch hier zeigt sich eine Lücke: Obwohl sich die meisten Senioren regelmäßig beim Arzt durchchecken lassen, sprechen nur wenige mit ihrem Arzt über den Einfluss der Gesundheit auf die Fahrtüchtigkeit. „Dabei ist das besonders wichtig. Fragen Sie nach“, fordert Schulz alle Autofahrer auf. Dies gelte nicht nur für hochbetagte Senioren.

Der Präsident der Fachgesellschaft nennt einen weiteren wichtigen Punkt: Medikamente! Laut einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage nehmen rund zwei Drittel aller Autofahrer ab 65 Jahren regelmäßig Medikamente ein. Bei den Über-75-Jährigen sind es sogar 77 Prozent. Sicherheit geht dabei für die meisten befragten Autofahrer vor: 78 Prozent würden ihren Wagen stehen lassen, wenn sie merken, dass Arzneimittel ihre Fahrtüchtigkeit einschränken.
Aber um das zu beurteilen, reicht der Blick in den Beipackzettel nicht aus. Denn oft ist die Kombination verschiedener Arzneimittel die Ursache für Einschränkungen, die sich im Straßenverkehr fatal auswirken können wie zum Beispiel Schwindel, Konzentrationsschwächen, verminderte Reaktionsgeschwindigkeit oder verschwommenes Sehen. „Sprechen Sie daher mit Ihrem Arzt über ALLE Arzneimittel, die sie einnehmen, auch über die freiverkäuflichen“, empfiehlt Schulz. Nur dann sei sichergestellt, dass sie die Fahrtüchtigkeit nicht einschränken.

Maria Herweg kann deshalb trotz ihrer 79 Lebensjahre die Diskussion über ihre Fahrtauglichkeit gelassen sehen. Ihr Arzt hat ihr grünes Licht für ihre täglichen Fahrten in dem alten BMW gegeben. Und sie fährt seit 50 Jahren unfallfrei. Gelernt ist eben gelernt.

 

  • Gängige Ansichten und Testverfahren, mit denen die Fahrtüchtigkeit älterer Menschen untersucht wird, wird Prof. Desmond O’Neill MD im Rahmen des Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) in Halle (Saale) (24. bis 27. September 2014) hinterfragen. Zu seiner englischsprachigen Keynote-Lecture „Driving and older people: a major theme for gerontologists and geriatricians“ am Donnerstag, 25.09.2014, 14:30-15:15 Uhr, laden wir alle Vertreter der Presse herzlich ein.
    Weitere Informationen zur Keynote-Lecture
  • In dem Symposium „Fahreignung grenzenlos“ am Donnerstag, 25.09.2014, 08:00-09:30 Uhr wird die Verpflichtung zur Prüfung der Fahreignung anhand beispielhafter Modelle aus der Schweiz und Dänemark vorgestellt.
    Weitere Informationen zum Symposium

  • Ergänzend wird der Verkehrspädagoge und Dozent für Verkehrsrecht Tomas Ciura in seinem Workshop „Fahreignung im Alter“ am Donnerstag, 25.09.2014, 15:30-19:00 Uhr Basiswissen rund um das Thema Fahreignung sowie rechtliche Grundlagen vermitteln. Der Workshop findet im Rahmen der DGG-Fortbildungsakademie parallel zum Kongress statt und ist mit 5 CME-Punkten zertifiziert.
    Weitere Informationen zum Workshop

  • Die Interdisziplinäre Veranstaltung „Fahreignung im höheren Lebensalter“ am Freitag, 26.09.2014, 08:00-09:30 Uhr beleuchtet das Thema aus psychologischer und neurologischer Sicht.
    Weitere Informationen zur Interdisziplinären Veranstaltung

 

 

PM: Der geriatrische Patient in der Notaufnahme

 
Download PM:
Fahrtauglichkeit im Alter – darf Oma noch Autofahren?

 

 

 

Pressekontakt

Nina Meckel
Pressestelle der DGG/ DGGG
medXmedia Consulting
Westendstr. 85
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Fax: +49 (0)89 / 230 69 60 60
E-Mail: presse@dggeriatrie.de

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Alterstraumatologisches Zentrum Geriatrisches Zertifikationsverfahren

Mehr Qualität in der Behandlung betagter Traumapatienten: Der Bundesverband Geriatrie hat unter Beteiligung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) ein Zertifikat für Alterstraumatologische Zentren (ATZ) entwickelt. Erste Zertifizierungen sind bereits erfolgt.

Ziel ist, den spezifischen Bedürfnissen betagter Traumapatienten besser gerecht zu werden, indem geriatrischer und unfallchirurgischer Sachverstand effizient zusammenfließen. In dem neu geschaffenen Anforderungskatalog für ATZ werden die Grundlagen geschaffen, die der Zusammenarbeit beider Fachbereiche einen organisatorischen und qualitativ angemessenen Rahmen geben.

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Im Januar 2014 hat Bundesgesundheitsminister Gröhe eine gesetzliche Neuregelung der „Sterbehilfe“ angekündigt. Fraktionsübergreifend sind inzwischen von verschiedenen Abgeordneten mehrere Gesetzentwürfe vorgelegt worden, die derzeit im Deutschen Bundestag diskutiert werden. Im November 2015 soll die Abstimmung darüber erfolgen. In der Praxis betreffen die diskutierten Vorschläge in erster Linie ältere Menschen. Deshalb sieht sich der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) in der Pflicht, zur Sterbehilfe-Debatte insgesamt Position zu beziehen.

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