Professor Rainer Wirth, Direktor der Klinik für Altersmedizin und Frührehabilitation am Marien Hospital Herne und Leiter der DGG-Arbeitsgruppe Ernährung und Stoffwechsel

(21.02.2018) Schluckstörungen, also Dysphagie, sind ein weitverbreitetes Syndrom bei älteren Patienten, das im klinischen Alltag noch wenig Berücksichtigung findet. Daher ist für Geriater die Jahrestagung der Deutschen Interdisziplinären Gesellschaft für Dysphagie (DGD) vom 15. bis 18. März 2018 in München besonders interessant. Hier werden neueste wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelt, zudem können sich die Teilnehmer bei der parallel stattfindenden Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Endoskopie und Bildgebende Verfahren (DGV-EV) weiterbilden. Erwartet werden bei beiden Kongressen insgesamt 1.200 Teilnehmer. Erstmals übernimmt jetzt ein Geriater die Präsidentschaft des DGD-Kongresses: Professor Rainer Wirth, Direktor der Klinik für Altersmedizin und Frührehabilitation am Marien Hospital Herne und Leiter der DGG-Arbeitsgruppe Ernährung und Stoffwechsel. Im Interview erklärt er, warum sich die Veranstaltung besonders für Geriater lohnt und vor welchen Herausforderungen die Altersmedizin im Bereich Dysphagie steht.

Herr Professor Wirth, was nehmen Sie sich als Kongresspräsident konkret vor?
Als Geriater sind meine wesentlichen Kongressziele, die Altersmedizin und meinen Schwerpunkt Ernährungsmedizin beim DGD-Kongress zu integrieren. Das war bisher noch nie der Fall. Es ist außerdem auch etwas Besonderes, als Geriater verantwortlicher Kongresspräsident zu sein. Das freut uns Altersmediziner natürlich sehr, weil Dysphagie ein ganz häufiges Syndrom bei alten Menschen ist.

Warum lohnt es sich für Mediziner, zum Dysphagie-Kongress nach München kommen?
In der noch relativ kleinen Fachgesellschaft DGD mit rund 200 Mitgliedern sind neben Logopäden sowie Sprach- und Schlucktherapeuten zum Beispiel auch Phoniater, Radiologen, Neurologen, Gastroenterologen, HNO-Ärzte, Viszeralchirurgen und eben auch Geriater tätig. Somit ist ein ganz wesentliches Moment dieses Kongresses der interdisziplinäre Austausch zwischen diesen unterschiedlichen Fachrichtungen. Das hilft, um dieses komplexe Syndrom der Schluckstörungen besser zu verstehen und Therapien weiterzuentwickeln.

Warum sollten speziell auch Geriater an dem Kongress teilnehmen? 
Weil gerade ältere Menschen so häufig unter Dysphagie leiden, ist es wichtig, dass die Geriatrie in dieser Fachgesellschaft und bei diesem Kongress integriert wird. Meine Präsidentschaft ist der erste Schritt dahin. Ich gestalte das Programm unter geriatrischen Gesichtspunkten mit. In Deutschland gibt es keinen anderen Kongress, der das Phänomen Dysphagie so umfassend bearbeitet. Hinzu kommt, dass dieser Kongress eingebettet ist in einen sehr großen Kongress für Endoskopie und Bildgebende Verfahren. Unter dem Dach dieser Vereinigung tagen sieben Fachgesellschaften mit mehr als Tausend Besuchern. So kann man zum Beispiel als Internist noch in andere Bereiche hineinhören, die einen neben den Schluckstörungen interessieren.

Welche Rolle spielt die Geriatrie in der Dysphagie – und umgekehrt?
Wir gehen davon aus, dass je nach Setting zwischen 30 und 40 Prozent aller geriatrischen Patienten Schluckstörungen haben. Gerade ältere Patienten leiden sehr häufig unter einer sogenannten stillen Aspiration. Dass Material beim Schlucken in die Luftwege gelangt, fällt bei diesen Patienten durch Husten überhaupt nicht auf. Daher gehen wir weiter davon aus, dass Dysphagie noch sehr häufig unentdeckt bleibt. Aus der Schlaganfall-Forschung wissen wir, dass man durch das bessere Erkennen der Dysphagie die Prognose der Patienten deutlich verbessern und tatsächlich auch die Mortalität senken kann. Das erwarte ich mir auch für die Geriatrie, wenn wir flächendeckend und strukturiert nach Dysphagie suchen, und damit Pneumonien vermieden werden und die Behandlungen verbessert wird.

Welches Know-how können sich Geriater vor Ort zusätzlich aneignen? 
Sie können neue Entwicklungen in der Dysphagiediagnostik und -therapie kennenlernen. In diesem Bereich tut sich gerade einiges. Die eigentliche Forschung auf diesem Gebiet beginnt im Grunde gerade erst durch die Verbesserung der diagnostischen Möglichkeiten. Es kommen neue Therapieverfahren auf, zum Beispiel die Transkranielle Magnetstimulation oder auch die pharyngeale Elektro-Stimulation. Der Dysphagie-Kongress ist das Forum, wo sich die wirklich aktiven Fachleute über die neuesten Erkenntnisse austauschen.

Können Sie uns bereits erste Programmhöhepunkte verraten?
Es wird zum einen mehrere Workshops geben. So können zum Beispiel Teilnehmer per Videoanalyse im Bereich endoskopische und radiologische Diagnostik trainiert werden. Diesmal wird es erstmals auch einen Workshop zur Ernährung von Patienten mit Dysphagie geben. Es wird eine Diskussionsrunde zum Thema Dysphagie in Seniorenheimen stattfinden – ein noch völlig unbearbeitetes Themenfeld. Es wird einige Keynote-Lectures geben. So wird beispielsweise ein Neurologe die neuesten noch nicht publizierten Ergebnisse zur pharyngealen Elektrostimulation vorstellen.

Wie sollen wissenschaftliche Erkenntnisse und die Praxis vor Ort verknüpft werden?
Diese Verknüpfung werden wir an vielen Stellen erleben. Eine Keynote-Lecture wird sich etwa mit Arzneimittel-Therapie bei Dysphagie-Patienten befassen. Es wird beleuchtet, welche Gefahren beim Schlucken von Tabletten entstehen können. Das ist in der Pflegepraxis noch ein großes Problem. Es wird zudem einen Vortrag zum Refeeding-Syndrom geben. Dieses in der Praxis noch kaum bekannte Phänomen kann lebensgefährlich für Dysphagie-Patienten mit Mangelernährung sein. Insgesamt sehe ich viele Programmpunkte, die sich insbesondere für Geriater richtig lohnen.

Mehr Informationen und Anmeldemöglichkeiten zum DGD-Kongress finden Sie auf der Kongress-Webseite.