Professor Reinhard Lindner

(18.06.2019) Die Suizidraten bei älteren Menschen sind in Deutschland höher als in allen anderen Altersgruppen. An vielen Stellen bestehen zudem große Informationslücken, was Prävention, Aufklärung und die Vernetzung von betroffenen Institutionen wie Pflegeheimen oder Krankenhäusern angeht. Die vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) geförderte Studie „Suizidprävention Deutschland. Aktueller Stand und Perspektiven“ will jetzt mit einer umfassenden Erhebung und Analyse für mehr Transparenz sorgen und Hilfestellungen zur Suizidprävention geben. Professor Reinhard Lindner (Foto), Leiter der Arbeitsgruppe Gerontopsychosomatik der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG), ist im Rahmen des Projekts Sprecher der Arbeitsgruppe „Alte Menschen“. Im Interview erklärt er, wie speziell Altersmediziner von den Studienergebnissen in der Praxis profitieren können – und wie sie die Studie zu diesem bedeutenden Thema unterstützen können.

Herr Professor Lindner, womit beschäftigt sich das Projekt „Suizidprävention Deutschland. Aktueller Stand und Perspektiven“ genau?
In diesem BMG-geförderten Projekt erstellen wir einen Atlas, der die gegenwärtigen suizidpräventiven Aktivitäten und die damit beschäftigten Institutionen in Deutschland zusammenfasst. Bisher gab es so etwas nicht. Wahrscheinlich, weil Suizidprävention in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Feldern – zum Beispiel in Schulen, Gefängnissen oder Krankenhäusern – eine Rolle spielt. Das zu koordinieren ist extrem schwierig.

Was wollen Sie mit einer Studie zu diesem Thema erreichen?
In acht verschiedenen Arbeitsgruppen suchen wir danach, welche Suizidpräventions-Aktivitäten und -Strategien in den vergangenen fünf Jahren in Deutschland gelaufen sind. Wir wollen daraus Lücken entdecken und der Bundesregierung Anhaltspunkte dafür liefern, wo und wie Suizidprävention besser gefördert werden kann. Die Arbeitsgruppen erheben, auf ihren jeweiligen Bereich angepasst, unterschiedliche Aspekte und alle Ergebnisse werden am Ende in einem umfangreichen Bericht zusammengefasst. In meinem Bereich geht es um die Suizidprävention im Alter. Denn die Suizidraten bei älteren Menschen sind die höchsten in der Gesamtbevölkerung.

Wen wollen Sie jetzt dazu befragen?
Uns wäre sehr geholfen, wenn wir von Kolleginnen und Kollegen aus der Geriatrie erfahren, wie sie konkret mit dem Thema Suizidalität umgehen und welche Hilfe sie in Anspruch nehmen, wenn ihnen ein Patient suizidal erscheint. Und wo sie Schwierigkeiten sehen in der suizidalen Versorgung. Sprich: Was muss besser werden?

Welche Lücken in der Suizidprävention konnten Sie bereits entdecken?
Noch können wir keine evidenten Ergebnisse dazu liefern. Wir vermuten aber, dass es zum Beispiel Lücken gibt bei der langfristigen psychotherapeutischen Behandlung von älteren Menschen. Multimorbide und immobile ältere Menschen fallen da durchs Raster, weil sie die Psychotherapeuten nicht konsultieren können und umgekehrt die Therapeuten noch nicht so weit sind, die älteren Menschen aufzusuchen.

Welche Probleme im geriatrischen Bereich könnten durch die Studie gelöst werden?
Es könnten beispielsweise verschiedene Fragen der Compliance gelöst werden, weil ein lebensmüder suizidaler Mensch eine medizinische Behandlung nur eingeschränkt oder gar nicht in Anspruch nimmt. Wir können also eine Gruppe leidender Menschen besser erfassen und ihnen vielleicht die Hilfe zukommen lassen, die sie brauchen.


Wie lange läuft die Studie noch und wie können Interessierte daran teilnehmen?
Die Studie läuft noch bis 2020. Der jetzt beginnende Erhebungszeitraum geht jedoch nur noch bis August 2019. Wir würden uns sehr freuen, wenn Kolleginnen und Kollegen diese Gelegenheit nutzen und mitmachen. Dafür haben wir einen Fragenkatalog entwickelt, der online abrufbar ist. Die Teilnahme dauert rund 20 Minuten.

Welche weiteren Projekte könnten sich an die Umfrage-Ergebnisse anschließen? 

Aus meiner Sicht wären verschiedene Projekte denkbar. Zum Beispiel eine bessere Verankerung und Finanzierung von Psychotherapien für alte Menschen. Und der so wichtige Diskurs zum Thema Suizidprävention insgesamt könnte dadurch intensiviert werden.

Jetzt teilnehmen: Umfrage zur Studie „Suizidprävention Deutschland. Aktueller Stand und Perspektiven“