Dr. med. Rudolf Siegert

(28.06.2019) Zum ersten Mal haben Wissenschaftler den Bedarf an mobiler geriatrischer Reha bei Bewohnern von Pflegeeinrichtungen in Deutschland erhoben. Fast jeder fünfte Bewohner in der stationären Langzeitpflege kommt für solche Rehabilitationsmaßnahmen, die direkt vor Ort durchgeführt werden, infrage. Damit können die Teilhabe am Alltag, aber auch wichtige Funktionen wie sichere Fortbewegung und Schlucken bei schwerkranken Patienten verbessert werden. An dem vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Forschungsprojekt hat auch die Arbeitsgruppe Mobile Geriatrische Rehabilitation der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) mitgewirkt. „Die Höhe des Reha-Bedarfs hat uns überrascht“, sagt der Leiter der Arbeitsgruppe, Dr. med. Rudolf Siegert (Foto). Der medizinische Geschäftsführer der Mobilen Reha Bremen war gemeinsam mit vier weiteren Reha-Anbietern aus allen Regionen Deutschlands an der Studie des Instituts für Gesundheits- und Pflegeökonomie der Hochschule Bremen beteiligt. Über das Forschungsprojekt und dessen wichtigste Ergebnisse berichtet er im Interview.

Herr Dr. Siegert, was haben Sie genau untersucht?
Zuerst wurde untersucht, wie groß der Rehabilitationsbedarf bei Bewohnern von Pflegeeinrichtungen ist, und zwar jeglicher Reha-Bedarf, nicht nur der mobilen geriatrischen Reha. Als Zweites haben wir untersucht, ob und wie mobile Reha in der Pflegeeinrichtung wirkt. Und das Dritte war die Frage, wie man den Reha-Prozess in der Pflegeeinrichtung optimieren kann.

Wie haben Sie den Reha-Bedarf ermittelt?
Wir sind dabei so vorgegangen, wie man es für einen Reha-Antrag machen würde. Dafür haben wir uns an die Begutachtungsanleitung Vorsorge und Rehabilitation gehalten, um zu beurteilen, ob jemand eine Reha benötigt. Erfahrene Fachärzte haben 622 Bewohner von Langzeit-Pflegeeinrichtungen und 138 aus der Kurzzeitpflege begutachtet. Sie haben geprüft, ob diese Menschen rehabedürftig und rehafähig sind, ob Reha-Ziele formuliert werden können und ob eine positive Reha-Prognose besteht. Treffen alle vier Punkte zu, dann besteht eine Indikation für eine Reha.

Die untersuchenden Ärzte sind selbst in der Reha tätig. Wie haben Sie verhindert, dass bei deren Bewertung Verzerrungen auftreten?
Dafür haben wir die untersuchenden Ärzte in der Anwendung der Bewertungskriterien geschult. Zudem haben wir eine interne Evaluation durchgeführt. Das heißt, wir haben uns mit den Gutachtern getroffen und haben Fälle gemeinsam bewertet, um zu einem Konsens zu kommen. Außerdem haben wir uns in eine externe Evaluation begeben. Dafür haben wir eine Stichprobe von 20 Fällen gezogen und dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung zur Bewertung vorgelegt. Die Übereinstimmung mit unserer Einschätzung lag bei über 90 Prozent.

Welchen Reha-Bedarf konnten Sie so ermitteln?
Unter den Bewohnern von Langzeit-Pflegeeinrichtungen haben 22,7 Prozent einen Reha-Bedarf. Der überwiegende Teil davon, insgesamt 19,5 Prozent, hat eine Indikation für eine mobile Reha. Nochmal ganz deutlich: Fast jeder fünfte Pflegeheimbewohner benötigt mobile geriatrische Rehabilitation! Dieser hohe Anteil hat uns doch überrascht. In der Kurzzeitpflege ist der Reha-Bedarf noch höher, nämlich 32,6 Prozent. Etwas mehr als die Hälfte davon bedarf einer mobilen Reha. Dabei muss man unterscheiden zwischen Menschen, die in die Kurzzeitpflege kommen, weil ihre pflegenden Angehörigen gerade verhindert sind, und jenen, die aus dem Krankenhaus dorthin verlegt werden. Unter letzteren haben sogar 44,4 Prozent eine Indikation für eine Reha. Das bedeutet, dass sehr viele Menschen aus Krankenhäusern in die Kurzzeitpflege entlassen werden, die eigentlich eine Reha benötigen. Eine eklatante Fehlversorgung!

Was kann eine mobile Reha bei den Menschen bewirken?
Um das herauszufinden, haben wir Patienten, die durch einen der teilnehmenden Anbieter regulär eine mobile Reha im Pflegeheim erhalten haben, mit Teilnehmern unserer Bedarfserhebung verglichen, bei denen trotz Indikation keine Reha erfolgte. Das ist zwar keine randomisiert-kontrollierte Studie, aber der erste direkte Vergleich mit unbehandelten Patienten mit gesicherter Reha-Indikation überhaupt. Die Reha-Teilnehmer hatten für alle untersuchten Parameter – das waren medizinische Ziele, Aktivität und Teilhabe – deutliche höhere Verbesserungen als die Vergleichsgruppe. Die Verbesserungen blieben auch sechs Monate nach Beginn der mobilen Reha weitgehend stabil. Das ist im geriatrischen Alter schon eine lange Zeit.

Wie erklären Sie sich diesen Befund?
Das kann ich mir nur dadurch erklären, dass die Inhalte während der Reha direkt in der Pflegeeinrichtung vermittelt wurden und nicht in der künstlichen Umgebung eines Reha-Zentrums. Wir trainieren unter den Bedingungen des üblichen Wohnumfeldes und unter Einbeziehung der Personen, die die Patienten im Alltag unterstützen, also Angehörige und Pflegepersonal. Aber ob das wirklich der entscheidende Faktor für die stabilen Verbesserungen ist, müsste noch genauer untersucht werden.

Wie lässt sich die Zusammenarbeit der mobilen Reha mit der Pflegeeinrichtung noch verbessern?
Beide, die mobile Reha und die Pflegeeinrichtung, kommunizieren noch zu wenig miteinander. Häufig muss, wenn die mobile Reha neu in eine Einrichtung kommt, das Eis erstmal gebrochen werden, damit die Pflegekräfte merken, dass die mobile Reha bei den Patienten wirklich etwas bewegen kann. Dafür müssen beide Seiten eng miteinander kommunizieren. Beide Seiten müssen ein Interesse haben, sich gegenseitig auszutauschen. Dazu gehört auch, gemeinsam über die Ziele für den Patienten nachzudenken. Man sollte darüber reden, was man für den Patienten erreichen kann, was realistisch ist und woran man gemeinsam arbeiten will.

Was bedeuten diese Ergebnisse für die mobile Reha in Deutschland?
Der Bedarf, den wir festgestellt haben, kann durch die vorhandenen Anbieter mobiler Reha bei Weitem nicht gedeckt werden. Momentan gibt es dieses Angebot an 18 Standorten in Deutschland. Es sind dringend weitere Initiativen notwendig, damit sich mehr solcher Einrichtungen gründen.

Weitere Informationen

Lesen Sie den vollständigen Abschlussbericht des durch das Bundesgesundheitsministerium geförderten Projektes: Ermittlung des allgemeinen Rehabilitationsbedarfs und Evaluation Mobiler Geriatrischer Rehabilitation in stationären Pflegeeinrichtungen und der Kurzzeitpflege. Der Kurzbericht zum Forschungsvorhaben ist online abrufbar auf der Website der Bundesarbeitsgemeinschaft Mobile Rehabilitation. Zudem findet am 15. November 2019 in Bremen das nächste Gründerseminar Mobile Rehabilitation statt.

 

Foto: privat