Prof. Ian Cameron, Sydney

(25.07.2016) Die positive Kosten-Nutzen-Rechnung von Rehabilitationsmaßnahmen in der Geriatrie ist Konsens. Die Lebensqualität verbessert sich, Pflegebedürftigkeit wird vermindert oder verhindert. Trotzdem ist die Zahl der vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) ausgesprochenen Reha-Empfehlungen mit knapp 31.000 im Jahr 2015 bei fast 1,5 Millionen Begutachtungen viel zu gering. Was muss sich also am deutschen Angebot für die Rehabilitation älterer Menschen verbessern? Und welche Konzepte verfolgen andere Länder? Für die Keynote-Lecture zu diesem Thema beim Jahreskongress der DGG und der DGGG in Stuttgart konnte Professor Ian Cameron, Inhaber des Lehrstuhls für Rehabilitationsmedizin an der Universität Sydney, gewonnen werden. Er liefert Antworten auf die Frage: „Geriatrische Rehabilitation – ist der Nutzen bewiesen?“

Der Grundsatz „Reha vor Pflege“ ist hierzulande auf dem Papier gesetzliche Vorgabe. Es gibt gerade in Deutschland ein systemisches Problem, diesen auch tatsächlich in der Realität umzusetzen. Kostenträger der geriatrischen Rehabilitationen sind in der Regel die Krankenkassen, Nutznießer einer erfolgreichen Maßnahme hingegen auch die Pflegekassen. Gerade vor diesem Hintergrund ist es nützlich, einen Blick über den nationalen Tellerrand zu werfen und die Expertise internationaler Experten miteinzubeziehen.

„Mir erscheinen die deutschen Angebote für die Rehabilitation älterer Menschen grundsätzlich gut entwickelt“, sagt Prof. Cameron, „insgesamt gibt es aber meiner Ansicht nach in den meisten Ländern Schwierigkeiten, den Stand der Forschung, der starke Hinweise auf die Vorteile von geriatrischer Rehabilitation liefert, in effektive Maßnahmen zu übersetzen.“ Prof. Cameron leitet unter anderem das John Walsh Centre for Rehabilitation Research, ist Mitherausgeber des Journal of Rehabilitation Medicine und berät als Geriater die australische Regierung in medizinischen Fragen, die ältere Menschen betreffen.

Vorteile der ambulanten und mobilen geriatrischen Rehabilitation

„Die meisten älteren Menschen mit einer schwerwiegenden gesundheitlichen Beeinträchtigung können potentiell von Rehabilitation profitieren“, sagt Cameron. „Die besten Beispiele finden sich gerade nach Schlaganfällen oder Hüftfrakturen und es gibt immer mehr Hinweise für die positive Wirkung von Rehabilitation nach Immobilisierung und Gebrechlichkeit (Frailty).“

Doch was ist dafür das beste Setting? Soll dies in einer stationären Behandlung, in einer Pflegeeinrichtung oder zu Hause in der gewohnten Umgebung der älteren Menschen erfolgen? Dies wurde bisher nicht ausreichend geklärt. Weltweit gibt es dazu erheblich abweichende Modelle.
Im Rahmen des Vortrags wird dargestellt, dass eine Rehabilitation in Pflegeeinrichtungen potentiell negative Ergebnisse produzieren kann, indem Behinderung und Abhängigkeit verlängert werden. Ist es dagegen möglich, eine Rehabilitation im häuslichen Umfeld anzubieten, ist dies mindestens so effektiv wie im Rahmen einer stationären Behandlung.

„Der größte Vorteil von Rehabilitationsmaßnahmen für ältere Menschen ist es, ein eigenständigeres Leben mit einer verbesserten Lebensqualität führen zu können“, so Cameron. „Das könnte auch die Nutzung von Pflegeeinrichtungen verringern.“ Um bei Rehabilitationsmaßnahmen die höchste Kosteneffizienz und die besten Ergebnisse zu erzielen, kommt er zu dem Schluss, dass es in vielen Fällen nützlich ist, diese, wenn immer möglich, in der heimischen Umgebung stattfinden zu lassen. Seine Ausführungen in der Keynote-Lecture werden daher mit Spannung erwartet.


Zur Person:

Professor Ian Cameron ist Facharzt für Geriatrie und Lehrstuhlinhaber für Rehabilitationsmedizin an der Universität Sydney. Forschungsschwerpunkte sind Verletzungen, Rehabilitation und Behinderungen insbesondere bei älteren Menschen. Prof. Cameron leitet das John Walsh Centre for Rehabilitation Research, das klinische, epidemiologische und anwendungsorientierte Studien interdisziplinär zusammenführt. Er ist Autor verschiedener Cochrane Reviews. Bei der Fachzeitschrift Journal of Rehabilitation Medicine und bei BioMed Central Geriatrics fungiert er als Mitherausgeber. Als Experte berät Prof. Cameron die australische Regierung und staatliche Organisationen in den Bereichen Rehabilitation und Gesundheitsangebote speziell für ältere und behinderte Menschen.

Prof. Ian Cameron, Sydney
Keynote-Lecture: „Geriatric rehabilitation – What is the evidence?
"
Donnerstag, 08.09.2016
09:45 – 10:30 Uhr
Haus der Wirtschaft (König-Karl-Halle)

Vortragssprache der Keynote ist Englisch. Um das Verständnis zu fördern, werden jedoch neben den englischen Slides simultan auch deutsche Slides gezeigt.