Prof. Rainer Wirth

(24.09.2020) Die erste geriatrisch-gerontologische Online-Konferenz war ein voller Erfolg! Insgesamt 420 Interessierte haben an dem digitalen Format Anfang September teilgenommen. Der gemeinsame Präsenzkongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) sowie der Deutschen Gesellschaft Gerontologie und Geriatrie (DGGG) musste aufgrund der anhaltenden Corona-Pandemie abgesagt werden. Binnen weniger Wochen haben die Verantwortlichen ein dreitägiges Alternativprogramm als Online-Konferenz auf die Beine gestellt. „Für uns war es eine Premiere, die in diesem ganz besonderen Jahr wirklich sehr gut angenommen wurde“, sagt DGG-Kongresspräsident Professor Rainer Wirth (Foto), Direktor der Klinik für Altersmedizin und Frührehabilitation im Marien Hospital Herne. Im Interview zieht der Mediziner nun eine persönliche Konferenz-Bilanz: Er spricht über die positiven Überraschungen beim digitalen Know-how-Transfer, wissenschaftliche Entwicklungen und seine Lehren für den Geriatrie-Kongress 2021 – auch diesen wird Rainer Wirth leiten.

Herr Professor Wirth, wir blicken zurück auf die erste Online-Konferenz der Fachgesellschaft: Wie ist Ihre Bilanz in diesem doch sehr außergewöhnlichen Jahr?
Ich bin wirklich ausgesprochen zufrieden und glücklich, dass alles gut geklappt hat. Das Programm wurde sehr gut angenommen, die Themen waren hochspannend und wir hatten durchschnittlich bis zu 200 Zuhörer pro Vortrag. Natürlich gab es auch mal kleinere technische Herausforderungen – die sind aber typisch bei jedem Pilotprojekt. Mein Eindruck ist, dass unser Mischkonzept aus Keynote-Lectures zusammen mit interaktiven Elementen gut aufgegangen ist. Es war insgesamt ein sehr lebendiger Austausch.

Welche Vorträge wurden am besten besucht?
Es ist schwer, da einen hervorzuheben. Wir hatten bei allen Vorträgen eine konstant hohe Teilnehmerzahl. Was natürlich auch daran lag, dass es keine Parallelveranstaltungen gab wie bei einem Präsenzkongress. Wir haben in diesem Jahr ein thematisch breit aufgestelltes Programm zu wirklich aktuellen Themen der Altersmedizin zusammengestellt. Das hat sicherlich auch zur guten Resonanz beigetragen. Zudem waren die meisten Referenten schon geschult in Online-Vorträgen und haben ihre Themen wirklich kurzweilig präsentiert. Ich habe auch persönlich viele positive Rückmeldungen von allen Seiten erhalten.

Was nehmen Sie persönlich als Anregungen von dieser Konferenz mit nach Hause?
Natürlich nehme auch ich viele neue Ideen mit. Der Vortrag Professor Christoph Kaleta hat für mich persönlich beispielsweise viel Neues geboten. Er hat darüber gesprochen, wie das Mikrobiom das Altern beeinflussen kann. Ein hochspannendes Thema und vor allem ein neues Forschungsfeld für die hochspezialisierte Grundlagenforschung. Diese Erkenntnisse sind auch für uns klinisch tätige Geriater schon jetzt relevant, da wir das Mikrobiom mit Antibiotikatherapie und durch die Ernährung massiv beeinflussen. Hieraus könnten sich für die Zukunft neue Therapien auch für ältere Patienten ergeben.

Welches Zukunftsthema haben Sie noch identifizieren können?
Zukunftsthema ist vielleicht zu viel gesagt – aber mir wurde nochmal bewusst, dass wir uns noch viel mehr mit der Arzt-Patienten-Kommunikation beschäftigen müssen. Professor Manfred Schedlowski hat das in seiner Keynote über den Placeboeffekt und seine Wirkung auf die Patientenbehandlung nochmal sehr deutlich dargestellt. Auch dieser Forschungsbereich ist noch recht jung und sollte von Medizinern viel mehr beachtet werden. Für uns Geriater ist ja eher der Noceboeffekt eine Herausforderung, weil gerade den älteren Patienten oft durch stereotype Aussagen zum Alter der Mut genommen wird. Hier muss noch intensiver geforscht und geschult werden, das hat der virtuelle Vortrag erneut verdeutlicht.

Welche digitalen Vortragsformate sind Ihnen denn besonders in Erinnerung geblieben?
Da fallen mir direkt zwei Formate ein, die besonders gut gelungen sind: Zum einen das Symposium des Wissenschaftsforums Geriatrie, bei dem zahlreiche Referenten binnen zehn Minuten den für sie jeweils spannendsten Fachartikel des vergangenen Jahres präsentiert haben. Diese komprimierten Zusammenfassungen zum aktuellen Stand der Wissenschaft sind durch die eloquenten Redner wirklich sehr gut gelungen. Nach dem 75-minütigen Digital-Symposium hat jeder Teilnehmer ein hervorragendes Update zu den wichtigsten Entwicklungen der Geriatrie erhalten. Daneben haben mir noch unsere beiden Pro-Contra-Sitzungen gefallen. Hier haben wir aktuelle Kontroversen in der Geriatrie diskutiert – konkret ging es um die Bewertung der Anämie als geriatrisches Syndrom sowie den Stellenwert der Neurologie in der Geriatrie. Das sind Themen, die aktuell auch im Berufsalltag sehr stark diskutiert werden. Die Teilnehmer haben hier über die Chatfunktion auch fleißig mitdiskutiert und Fragen gestellt.

Welche Rückmeldungen haben Sie von den Teilnehmern konkret bekommen?
Eine Evaluation seitens der Kongressveranstalter ist noch in der Auswertung. Persönliche Rückmeldungen zum Inhalt waren durchweg positiv. Viele Teilnehmer waren einfach glücklich, dass wir dieses Alternativprogramm organisiert haben und man sich wenigsten auf diesem Wege einmal wieder austauschen konnte. Mich hat bisher nicht eine Klage erreicht. Und das ein oder andere technische Einwahlproblem konnten wir auch immer recht zügig lösen.

Was halten Sie davon, auch in Zukunft Online-Formate anzubieten?
Das sollten wir definitiv weiter verfolgen! Ich werde das Thema auf jeden Fall bei einer der nächsten DGG-Vorstandssitzungen ansprechen, damit digitale Fortbildungsangebote in unsere zukünftigen Überlegungen mit einfließen. Ich könnte mir auch vorstellen, dass wir zwischen den Jahreskongressen auch einmal ein aktuelles Thema im virtuellen Format anbieten. Auch einige unserer Arbeitsgruppensitzungen finden jetzt schon online statt. Erfreulicherweise oft mit mehr Teilnehmern als bisher, was auch das Potenzial der virtuellen „Ersatztechnik“ zeigt. Ich könnte mir auch vorstellen, bei zukünftigen Präsenzkongressen auch einmal Keynote-Speaker aus dem Ausland online in den Hörsaal dazuzuschalten. Etwaige Reiseverbote wären dann einfach zu überbrücken – utopisch lange Anreisen aus dem Westen der USA oder Australien wären dann auch kein Hinderungsgrund mehr. Für mich ist ganz klar: Wir sollten bei zukünftigen Veranstaltungen versuchen, ausgewählte Symposien auch online zu streamen oder zumindest nach dem Kongress als Aufzeichnung denjenigen anzubieten, die nicht dabei sein können.

Und was geschieht mit den Vorträgen aus diesem Jahr?
Mit Einverständnis der Referenten konnten wir ausgewählte Vorträge aufzeichnen. Die Videos und Präsentationen sollen den Mitgliedern der beiden Fachgesellschaften auch jetzt noch zur Verfügung stehen. Sobald dies technisch eingerichtet ist, werden wir darüber informieren.

Lassen Sie uns nun ins kommende Jahr schauen, auch da werden Sie erneut Kongresspräsident der DGG sein: Wie wird der Kongress 2021 stattfinden können?
Wir sind derzeit wirklich zuversichtlich, dass es im kommenden Jahr wieder einen Präsenzkongress geben wird. Mit den Planungen haben wir bereits bekommen, erste Keynote-Speaker habe ich angefragt. Ich denke auch, dass sich auf dem Campus Westend der Goethe-Universität in Frankfurt am Main ein gutes Hygienekonzept umsetzen lassen wird. Wir blicken also optimistisch in das neue Jahr. Wir sind nun aber auch schon geübt in möglichen Online-Alternativen und blicken daher entspannter in die noch nicht kalkulierbare Zukunft. Wir bemerken aber auch, wie hoch das Bedürfnis vieler Mitarbeiter im Gesundheitswesen ist, sich wieder live treffen und austauschen zu können. Ich persönlich freue mich darauf, mit den guten Erfahrungen der diesjährigen Online-Konferenz den Geriatrie-Kongress 2021 gestalten zu können.

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PM: Erfolgreiche Bilanz der ersten geriatrisch-gerontologischen Online-Konferenz: „Wir sollten zukünftig hybride Formate anbieten“


Foto: Marien Hosital Herne