Privatdozentin Dr. Gabriele Röhrig-Herzog

(11.02.2020) Jeder zweite Mensch über 70 Jahren, der wegen akuter Beschwerden in ein Krankenhaus aufgenommen wird, leidet unter einer Anämie. Unter ambulanten geriatrischen Patienten liegt die Häufigkeit einer Blutarmut je nach Studie bei mindestens 20 Prozent. Ist dieses im hohen Lebensalter oft auftretende Problem nur ein Symptom der häufig multimorbiden Patienten – oder kann die Anämie als eigenständiges geriatrisches Syndrom aufgefasst werden? Zu dieser Frage hat die Arbeitsgruppe „Anämie im Alter“ der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) ein wissenschaftliches Positionspapier veröffentlicht. Im Interview berichtet die Leiterin der Arbeitsgruppe, Privatdozentin Dr. Gabriele Röhrig-Herzog (Foto), über den aktuellen Stand der Diskussion ein Jahr nach der Erstveröffentlichung des Papiers und erläutert, wo nach wie vor dringender Forschungsbedarf besteht.

Frau Dr. Röhrig-Herzog, die Anämie im Alter ist nicht nur Symptom, sondern auch Syndrom. Hat diese Auffassung unter Geriatern Akzeptanz gefunden?
Sowohl im klinischen Alltag als auch im wissenschaftlichen Bereich ist die Anämie beim älteren Menschen durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema in den vergangenen Jahren erfreulicherweise aus ihrem Schattendasein herausgetreten. War früher eher die Ansicht vertreten, „ein bisschen Anämie gehört zum Alter dazu“, so hat die anhaltende Diskussion um dieses wichtige Thema dazu beigetragen, dass heute vielmehr gefragt wird, „was ist diagnostisch und therapeutisch im Alter zu tun?“. Daran wird deutlich, dass den syndromalen Ursachen und Auswirkungen der Anämie beim älteren Patienten angefangen wird, Rechnung zu tragen.

Welchen Beitrag konnte dazu das von der DGG-Arbeitsgruppe Anämie vorgelegte Positionspapier leisten?
Die AG ist schon lange mit der Frage befasst, Anämie im Alter als Syndrom zu bezeichnen. Im Vorfeld gab es viele anregende Diskussionen mit Befürwortern und Gegnern. Die daraus resultierende intensive Literaturrecherche hat zusammen mit den Ergebnissen eigener Untersuchungen die AG veranlasst, das Positionspapier zu formulieren. Auch um die Diskussion um das klinisch relevante Themengebiet aufrechtzuerhalten. Die zunehmende – auch fachrichtungsübergreifende – Auseinandersetzung mit dem Thema Anämie im Alter zeigt, dass es bisher gelungen ist.

Welches Gesamt-Fazit ziehen die AG-Mitglieder in diesem Positionspapiers?
Wir sind der Ansicht, dass die Anämie im Alter als geriatrisches Syndrom betrachtet werden sollte. In dem Positionspapier legen wir dar, wie wir zu diesem Ergebnis gelangt sind, welches sich auf eine breite Literaturbasis sowie auf eigene Untersuchungen stützt.

Was sind die wichtigsten Argumente für diese Position?
Dafür spricht vor allem, dass die Anämie alle Charakteristika eines geriatrischen Syndroms aufweist. Sie ist hochprävalent, mindestens 50 Prozent bei älteren stationären Patienten. Sie ist eine multikausale Erkrankung. Zumindest im höheren Lebensalter lässt sie sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Und sie hat viele Folgen. Unsere Arbeitsgruppe hat zeigen können, dass enge Assoziationen zu kognitiven, funktionellen und auch emotionalen Folgestörungen bestehen, was sich mit Ergebnissen von Arbeitsgruppen auch außerhalb von Deutschland deckt.

Sehen Sie darüber Diskussionsbedarf unter Geriatern?
Den gibt es sicher. Einzelne Kollegen werden sich damit schwer tun, ein neues Syndrom als solches zu bezeichnen. Sie denken, dass es nur ein Symptom ist. Das stimmt für die Anämie bei jüngeren Patienten, bei älteren Menschen ist sie aber ein Syndrom. Diesen Unterschied legen wir in unserem Positionspapier dar. Die meisten Kollegen sind aber schon davon überzeugt oder werden sich überzeugen lassen, dass es sich bei der Anämie tatsächlich um ein nicht-physiologisches Phänomen im Alter handelt.

Wie werden die Ergebnisse des Positionspapiers Ärzten bei ihrer täglichen Arbeit helfen?
Wenn die Anämie als geriatrisches Syndrom anerkannt ist, wird sie hoffentlich häufiger beachtet werden. Genauso wie beispielsweise ein Sturz. Wenn man heute von einem älteren Patienten hört, dass dieser gestürzt ist, dann klingeln beim Geriater die Alarmglocken. Er muss dem nachgehen. Welche Art von Sturz war es? Was war die Ursachen? Wie kann ich intervenieren, damit der Patient nicht wieder stürzt? Bei einer Anämie war es lange Zeit so, dass man ein bisschen Eisen verordnet hat, aber der Sache nicht weiter nachgegangen ist. Das Positionspapier soll bewirken, dass die Kollegen gezielt nach den Ursachen der Anämie suchen, etwas dagegen unternehmen und sie nicht als selbstverständlich hinnehmen.

Wo sehen Sie nach Ihrer Literaturrecherche besonderen Forschungsbedarf?
Es fehlen insbesondere Metastudien zu Therapiemöglichkeiten. Hier müssten wir das Interesse der Industrie wecken, damit sie diese finanziert. Allerdings sind solche Studien auch nicht ganz einfach durchzuführen. Wir haben ein sehr heterogenes Patientengut. Die Anämie im Alter ist wie erwähnt multikausal, und solche Beschwerden lassen sich nur schwer in Studien untersuchen.
Ein weiterer wichtiger Punkt sind Untersuchungen zur Pathogenese der Anämie im Alter. Während bei jüngeren Patienten die Eisenmangelanämie am häufigsten vorkommt, ist es im höheren Lebensalter die Anämie chronischer Entzündungen (anemia of chronic inflammation, ACI). Ein Zusammenhang mit altersassoziierten chronischen Entzündungen („inflamm-aging“ Theorie) wird diskutiert, wobei auch die Eryptose (Untergang der Erythrozyten) ins Spiel kommt, ein extrem spannender Bereich.

Wie würden Sie einen jungen Wissenschaftler überzeugen, sich mit dem Themengebiet zu befassen?
Ich würde ihm meine Begeisterung für die Geriatrie und insbesondere für das Thema Anämie im Alter nahebringen. Das ist ein faszinierendes Gebiet, weil noch ganz viele Fragen offen sind. Wir wissen zum Beispiel wenig über die alternden Erythrozyten. Auch in Bezug auf die Stammzellen im Knochenmark gibt es noch viel Forschungsbedarf. Es geht bei der Anämie nicht nur um die epidemiologischen Daten, sondern auch um physiologische und biochemische Marker. Da die Anämie im Alter nicht physiologisch aber multikausal bedingt ist, wäre auch die Identifizierung von Biomarkern zur Früherkennung von klinischem Interesse. Wer sich hier wissenschaftlich engagieren will, dem bietet sich ein breites Feld an Möglichkeiten.

Zur Webseite der AG "Anämie im Alter".