Claire Steves

(07.07.2021) In der öffentlichen Debatte wird das Thema Long-COVID derzeit vor allem im Zusammenhang mit Menschen unter 60 Jahren diskutiert. Doch auch viele ältere Menschen leiden unter den Langzeitfolgen, wie Geriater im klinischen Alltag erleben. Das wirft viele wichtige Forschungsfragen auf, zum Beispiel: Wie wirkt sich die Langzeiterkrankung auf den Alterungsprozess der über 60-Jährigen aus? Welche Mechanismen liegen diesem Prozess zugrunde? Wie kann die Immunantwort bei älteren, gebrechlichen Menschen gestärkt werden? Was lässt sich daraus für den Umgang mit anderen Infektionskrankheiten lernen? Dr. Claire Steves (Foto), Clinical Senior Lecturer am King's College London und Consultant Geriatrician am Guys and St Thomas's NHS Foundation Trust, sucht nach Antworten auf diese Fragen, indem sie Zwillinge im größten Zwillingsregister Großbritanniens untersucht. In ihrem mit Spannung erwarteten Hauptvortrag auf dem Online-Jahreskongress 2021 der DGG am 3. September 2021 wird sie die ersten Ergebnisse dieser potenziell wegweisenden Forschung vorstellen.

Laut Steves ist die Zwillingsforschung als Methodik aus verschiedenen Gründen besonders gut geeignet: „Wenn man Zwillinge untersucht, kann man sehr genau bestimmen, was genetisch bedingt ist, und was nicht. Wegen der viel kleineren Studienpopulation ist es auch viel einfacher, bestimmte Effekte der Epigenetik zu erkennen.“ Seit über zehn Jahren arbeitet Steves als stellvertretende Direktorin (Clinical) für TwinsUK, das größte Zwillingsregister in Großbritannien. Vor der Corona-Pandemie interessierte sie sich besonders für die Rolle des Darmmikrobioms als Faktor zur Erklärung unterschiedlicher Alterungsverläufe bei Zwillingen. Von den rund 14.000 Registrierungen im TwinsUK-Register sind noch etwa 7.000 Personen aktiv. „Für mich als Geriaterin ist besonders interessant, dass das Durchschnittsalter im Register seit einigen Jahren bei etwa 63 Jahren liegt – es ist also eine perfekte Kohorte für die Untersuchung der Beziehung zwischen Long-COVID und Alterungsprozessen", sagt Steves.

Corona-erkrankte Zwillinge könnten wichtige Hinweise auf Alterungsprozesse liefern

Um diesen Zusammenhang zu erforschen, war ursprünglich eine App exklusiv für die Zwillinge geplant. Als Teil der Corona-Bekämpfung wurde diese App seit dem Frühjahr 2020 auf die Gesamtbevölkerung ausgeweitet – rund 4,5 Millionen Menschen in Großbritannien nahmen an einer App-basierten Symptomstudie teil. Einige der Erkenntnisse aus dieser Megastudie haben sich direkt auf die COVID-19-Richtlinien in Großbritannien ausgewirkt: Zum Beispiel, dass ältere Patienten mit Delir zeitnah untersucht werden. „Gleichzeitig können wir über die App aber auch zwillingsspezifische Untersuchungen durchführen. Wenn zum Beispiel ein Zwilling COVID-19 hat und der andere nicht, können wir in einem weiteren Schritt ihre Alterungs-Biomarker auf die Frage hin analysieren: Beschleunigt COVID-19 den Alterungsprozess?", sagt Steves. Erste Ergebnisse zu dieser und anderen zukunftsweisenden Fragen wird sie in ihrem Keynote-Vortrag vorstellen.

Über Dr. Claire Steves

Steves ist Reader am King's College London, stellvertretende Direktorin von TwinsUK, dem größten Zwillingsregister Großbritanniens, und praktizierende Fachärztin für Geriatrie am Guys and St Thomas's NHS Foundation Trust. Seit Kurzem ist sie Forschungsleiterin der COVID Symptom Study (ZOE) App, die Symptome, Ergebnisse und Impfstofffortschritt bei COVID-19 zusammen mit den 4,6 Millionen Teilnehmern untersucht. Sie hat die klinischen Inhalte zusammen mit ZOE Global und Tim Spector entworfen und leitet das Forschungsteam für die App seit deren Start am 24. März 2020. Ihre Arbeit mit der App hat die Besonderheiten älterer Menschen hervorgehoben, sowohl in Bezug auf Schwere und Dauer der Erkrankung, als auch in Bezug auf Änderungen des Lebensstils nach dem Lockdown sowie der Infektion nach der Impfung. Darüber hinaus ist sie jetzt mit TwinsUK Co-Forschungsleiterin einer nationalen Kernstudie zu Gesundheit und Wohlbefinden in Großbritannien und leitet die Forschung zu Long- COVID in zwölf Längsschnittkohorten mit 60.000 Teilnehmern. Vor COVID forschte Steves an den Wechselwirkungen zwischen körperlicher und geistiger Gesundheit im Alter, insbesondere in Bezug auf Mikrobiome im Körper. Sie schloss 1997 ihr Studium an der Cambridge University mit Auszeichnung ab, erwarb im Jahr 2000 ihren medizinischen Abschluss an der Barts and London School of Medicine and Dentistry und arbeitete viele Jahre als Krankenhausärztin, bevor sie sich 2014 verstärkt der Forschung zuwandte. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im Süden Londons.

03.09.21, 16:45 Uhr
Referent: Dr. Claire Steves, London
COVID in the older population - new insights from symptom tracking and twins
Moderation: Prof. Jürgen M. Bauer, Heidelberg

Foto: privat