Prof. Susan Kurrle

(09.08.2016) Vorbild Australien? In geriatrischer Hinsicht schon. Auch wenn kaum ein anderes Land so weit von Deutschland entfernt liegt, so sind sich beide Lebensräume doch in vieler Hinsicht sehr ähnlich: Gerade die Standards in der klinischen Versorgung und die Lebenserwartung älterer Menschen zeigen große Parallelen auf. „Ähnlich sind allerdings auch die akuten Probleme, die immer wieder im Bereich der Demenzbehandlung auftreten“, sagt Prof. Susan Kurrle von der Sydney Medical School an der renommierten University of Sydney. „Die kognitiven Beeinträchtigungen älterer Menschen durch Delir und Demenz werden oft nicht gut erkannt und folglich schlecht behandelt.“ Kurrle sieht hier vor allem Management-Probleme in der Akutmedizin.

Durch wissenschaftliche Untersuchungen in Australien hat sie Methoden mitentwickelt, bei denen durch zwei neue Betreuungsansätze die Behandlung älterer Patienten verbessert werden kann. Mittlerweile übernehmen immer mehr Krankenhäuser in Australien diese Empfehlungen. Können diese Ansätze auch ein Vorbild für Deutschland sein? Darüber spricht Susan Kurrle in ihrer Keynote-Lecture beim gemeinsamen Jahreskongress der DGG und der DGGG in Stuttgart.

Kurrle selbst kennt die Klinik-Situationen in Australien und Deutschland sehr gut. „Die Betreuungsstandards für alte Menschen variieren in beiden Ländern von exzellent bis schlecht. Ich bin aber davon überzeugt, dass durch unsere Erkenntnisse auch die Standards in Deutschland verbessert werden könnten.“ Für Kurrle liegt ein wesentliches Problem darin, dass Demenzerkrankungen nicht rechtzeitig oder richtig erkannt werden, was Behandlungsfehler zur Folge haben kann. Ältere Patienten sind nicht nur eine Risikogruppe aus medizinischer Sicht, sie sind für Kliniken auch ein finanzielles Risiko – vor allem durch eine längere Verweildauer.

Noch immer verharre die Medizin zu sehr in ihren Fachbereichen, bemängelt Kurrle. Hier sieht sie eine große Chance für fachübergreifend denkende Geriater und Gerontologen.
Dem ärztlichen und pflegerischen Personal in den Kliniken mangele es ihrer Meinung vielerorts aber noch an einer entsprechenden Ausbildung, um die komplexen Krankheitszusammenhänge bei älteren Menschen entsprechend zu erkennen und zu behandeln.

Immer mehr Krankenhäuser übernehmen Pflegeempfehlungen von Kurrle – CHOPs

Um genau diese Schwachstellen an australischen Kliniken zu verbessern, verfolgen Kurrle und ihre Wissenschaftskollegen zwei Ansätze. Erst einmal geht es um die individuelle Behandlung der einzelnen Patienten, ausgerichtet an deren Pflegebedürftigkeit. Angewendet wird ein Pflegeprogramm, das in Australien unter dem Namen „Care of Confused Hospitalised Older Persons program“ bekannt ist, kurz CHOPs. Dieses Programm beschreibt die sieben Grundsätze einer adäquaten Versorgung und wurde an einer Auswahl von Krankenhäusern im Bundesstaat New South Wales getestet. In diesem Programm ist festgeschrieben, wie die einzelnen Grundsätze ein- und umgesetzt werden können.

„Der wichtigste Punkt ist für uns die Ausbildung des Personals. Die Klinik-Mitarbeiter müssen verstehen, warum ältere Patienten eine andere, besondere Behandlung im Falle von Demenz benötigen. Und wir müssen die Kollegen auch für diese Art der Versorgung motivieren.“
Auch die Evaluation der Programmergebnisse ist in CHOPs aufgeschlüsselt. „Wir freuen uns, dass immer mehr Krankenhäuser unser Modell übernehmen“, sagt Kurrle. Sie sei aber auch offen für weitere Ansätze. „Vertreter einer Klinik aus Brisbane haben unsere sieben Grundsätze um einen achten Punkt ergänzt. Wir überlegen, ob wir diesen nun auch offiziell mit in das Programm aufnehmen.“  

Es funktioniert nur mit zusätzlichen Bildungsangeboten

In einem zweiten Ansatz sollen die Akkreditierungsstandards für australische Krankenhäuser als Basis genutzt werden, um eine adäquate Demenz-Diagnose und ein angemessenes Management in den Kliniken zu gewährleisten. Die zuständige Akkreditierungsbehörde hat eigens dafür ein Informations- und Bildungsprogramm entwickelt, womit sich die Kliniken samt Personal tiefgehend auf den Akkreditierungsprozess vorbereiten und so gleichzeitig die Qualität bei der Demenzbehandlung steigern können.

„Diese Akkreditierungsstandards sind letztendlich die treibende Kraft, um das bisherige Betreuungssystem auf eine ganzheitliche Ebene zu heben“, sagt Kurrle. Sie weiß aber auch, dass viele Kliniken keine große Motivation zur Veränderung hätten, wenn Sie nicht diese Standards einhalten müssten. „Für uns ist das schon so etwas wie der große Wurf. Die Stärke der aktuellen Akkreditierungsstandards ist, dass wir bei deren Entwicklung in den vergangenen zwei Jahren mehrfach mit allen wichtigen Personenkreisen gesprochen und deren Erkenntnisse einbezogen haben“, so Kurrle. Dennoch sei es ein Irrglaube zu meinen, dass die Umsetzung der Standards auch ohne zusätzliche Bildungsangebote zu gewährleisten sei.

Mehr Selbstsicherheit und bessere Behandlung durch CHOPs

Was haben die beiden neuen Ansätze nun aber genau gebracht? In Australien eine ganze Menge. Die Betreuungssituation von älteren Menschen hat sich deutlich verbessert. Bei den Klinik-Mitarbeitern gibt es ein besseres Verständnis für Patienten mit Demenz-Erkrankung. Letztendlich wurde durch spezialisierte Untersuchungen bei mehr Patienten ein entsprechendes Krankheitsbild diagnostiziert, insgesamt wurde ein Delir häufiger erkannt.

Krankenhäuser, die an Kurrles Projekt beteiligt waren, haben zudem die Krankenhaus-Umgebung den Bedürfnissen der älteren Patienten angepasst und sicherer gestaltet. „Die Kliniken haben begriffen, dass diese Menschen im Krankenhaussystem die am meisten gefährdeten Personen sind. Nun lassen diese Institutionen der Behandlung von Älteren wesentlich mehr Bedeutung zukommen.“ Letztendlich sind alle Seiten zufriedener mit den Behandlungen, das Klinikpersonal geht besser und deutlich selbstsicherer mit älteren, oftmals auch schwierigen Patienten um. Und die medizinischen Mitarbeiter sind entscheidend besser geschult als vor Beginn des CHOPs-Programms.

Moderne Versorgungsmethoden sollten zu Hause anwendbar sein

Und was könnte in Zukunft noch besser laufen? „Wir wissen, dass Krankenhäuser für ältere Patienten gefährliche Orte sein können. Deswegen müssen wir uns überlegen, wie wir die neuen Behandlungs- und Versorgungsmethoden nun auch bei den älteren Patienten zu Hause anwenden können“, sagt Kurrle. „Die Menschen in Australien und Deutschland werden immer älter. Die Geriater sollten deshalb ständig nach neuen und innovativen Wegen Ausschau halten, wie die Betreuung von Demenzkranken und älterer Menschen im Allgemeinen verbessert werden kann, um schädliche Beeinträchtigungen zu reduzieren.  


Zur Person:

Prof. Susan Kurrle ist Professor in Health Care of Older People
Medicine an der Northern Clinical School, die zur University of Sydney gehört. Dort hat Kurrle auch ihre medizinische Ausbildung und Promotion absolviert. Als ärztliche Direktorin der Abteilung Rehabilitation und Altenpflege ist sie für die Bereitstellung von Gesundheitsdiensten im Norden von Sydney zuständig. So ist sie verantwortlich für rund 170.000 Menschen, die in der Region älter als 65 Jahre sind. Von der australischen Association of Gerontology wurde Kurrle mit der David Wallace-Medaille für herausragende Beiträge zur Gerontologie und Altenpflege ausgezeichnet.

Prof. Susan Kurrle, Sydney

Keynote-Lecture: „Acute care and dementia in Australia: implementation and evaluation of two approaches to management“
Donnerstag, 08.09.2016
13.45 Uhr bis 14.30 Uhr
König-Karl-Halle

Vortragssprache der Keynote ist Englisch. Um das Verständnis zu fördern, werden jedoch neben den englischen Slides simultan auch deutsche Slides gezeigt.